Verstrickungen nicht das letzte Wort geben

Skulptur auf einem Prager Friedhof
Skulptur auf einem Prager Friedhof. Foto: Borée

Gedanken zum Buß- und Bettag über die Chancen der ''Gewaltfreien Kommunikation''

''Das sind die Starken, die unter Tränen lachen'', genau erinnere ich mich noch an diesen Spruch aus meinem Poesiealbum. Ja, das hat mich beeindruckt: sich nicht der eigenen Traurigkeit, den eigenen Begrenzungen hingeben, sondern sie überwinden. Der Spruch geht aber noch weiter: "Eigene Sorgen zu begraben und andere glücklich machen."

Er kommt mir in den Sinn beim Nachdenken über Gottfried Orths Arbeitsbuch über "Gewaltfreie Kommunikation in Kirchen und Gemeinden". Gerade führte der Theologe  im Evangelischen Bildungszentrum Bad Alexandersbad das mehrstufige Seminar zu "Gewaltfreier Kommunikation" in die zweite Runde.

Der Spruch aus dem Poesiealbum ist "die" Versuchung für protestantische Seelen. Kann ich nicht noch ein bisschen mehr tun? Dann wäre die Welt ein wenig besser. Ach, noch ein Termin mehr lässt sich noch in meinen Tagesplan einbinden.

Vielleicht ein Gespräch, durch das ich mein Gegenüber ein klein wenig aufrichte.
Diese Haltung ist scheinbar auf das Gegenüber ausgerichtet. Sie hat aber durchaus noch andere Schichten: Ich will mir selbst beweisen, wie stark, aufopferungsvoll oder effektiv ich bin. Und noch ein wenig tiefer geklopft: Ein "Nein" ist mir zu mühsam. Lieber hetze ich mich hinterher ab. Da offenbart es tiefe Schwäche unter dem Deckmantel der Stärke.

Gerade engagierte Christen haben Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen. Haben sie ein Recht auf eigene Bedürfnisse, so lange sie ihre gesamte Umgebung nicht "glücklich gemacht" haben? Während sie versuchen allen Ansprüchen zu genügen, versteinern sie innerlich. Sie verlieren den Kontakt mit sich selbst. Und können dann den eigenen Ansprüchen immer weniger genügen.

Selbst Jesus hat sich ab und an allen Ansprüchen entzogen, denen er ausgesetzt war. Als Beispiel dafür zitiert Orth Markus 1,37 ff. und die Parallelstellen der anderen Evangelisten. Hätte Gottes Sohn nicht seine Zeit besser nutzen können als sich in die Einsamkeit zurückzuziehen? Schließlich wollten doch noch so viele Menschen Heilung erfahren!

Menschlicher als Jesus mit seinen entrückten Gebeten erscheint da der Prophet Elia im Königsbuch. In dem Buch Orths wird eine Predigt über die Mantelübergabe Elias an den Helfer und Nachfolger Elischa ausgelegt. Elia, der Prophet der Wüste, hat aber noch mehr zum Thema zu bieten: Er verkündete besonders kraftvoll das Wort Gottes. Er ließ 450 Baalspriester für den lebensspendenden Gott am Karmel töten (1. Könige 18).

Welch eine Absage gegenüber einer Religion, unter deren Herrschaft alles verdorrt! Wie wünschen wir es uns manchmal, im verfahrenen Gemeindealltag oder in einer unguten Beziehung die versteinerten Strukturen in einem Kraftakt aufzubrechen!

"Nein" sagen lernen

Es faziniert gerade dann, wenn wir selbst Schwierigkeiten haben, so wie Jesus Grenzen zu ziehen. Orth widmet dem Thema "Gewaltfrei und wertschätzend 'Nein?' sagen und hören" ein eigenes Kapitel: Wir wollen niemanden verletzen. Zeigt es nicht unser Scheitern, wenn wir etwa in einer Beziehung nicht mehr zueinander finden? Dann ist es ehrlicher, uns abzugrenzen, aber genauso hässlich und schmerzhaft. Wir hören ein Nein als "Missachtung unserer Person", nicht als Ansage, dass gerade anderes wichtiger ist als mein Wunsch.

Schließlich ist eine Gemeinde nur selten eine ideale Gemeinschaft. Pfarrerinnen oder Diakone sind eingebunden in allerlei kirchliche Hierarchien und Machtstrukturen. Sie wollen gerne Stärke zeigen - sei es durch eigenes Beispiel oder ein Machtwort.

Bei der intensiven Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Kräften stoßen ganz unterschiedliche Erwartungshorizonte gegeneinander. Ehrenamtliche sind keine Untergebenen, an die sich unangenehme Aufgaben delegieren lassen. Sie sind auch keine Vorgesetzten, auch nicht als Kirchenvorsteher.

Es beginnen Verstrickungen, in denen wir mit uns selbst hadern - und gleichzeitig unserem Gegenüber nicht mehr angemessen gegenüber treten. Gemeinden sollten Orte der Begeisterung, des lebendigen Kontaktes sein. Stattdessen vergiften sich die Beziehungen unter dem Anspruch: Ich gebe doch alles - können sich die anderen nicht auch ein klein wenig Mühe geben? "Den Nächsten lieben wie sich selbst", so fordert Jesu. Es heißt aber auch, sich selbst wert zu schätzen, auf die eigenen Bedürfnisse zu lauschen.

Wir verstricken uns gerne in allerlei ungute Automatismen. Sie können uns den Weg zu anderen verstellen. Aber auch zu uns selbst - bis zum Burnout oder altmodischer: bis zur Depression. Wir machen Fehler, obwohl wir auch in der Rückschau nicht anders hätten handeln können.

Zwar lehnt Gottfried Orth "die Selbstverständlichkeit christlicher Rede von Schuld" in seinem Buch ab. Und doch gibt es meiner Ansicht nach Verstrickungen, durch die wir den Kontakt zu anderen, zu Gott, zu uns selbst verlieren. Martin Luther formte "Sünde" in Anlehnung an das Wort "Absonderung". Es ist mehr als Trauer - eher eine innere Versteinerung. Alles in uns und um uns ist wüst und leer. Gerade am Buß- und Bettag sollten wir inne halten.

Begegnet uns mit "Buße" nicht schon wieder so ein moralisch aufgeladener Begriff? Sowohl das hebräische Grundwort als auch der griechische Begriff Metanoia bedeutet "Umkehr des Denkens", ja der Lebenseinstellung. Erst in der lateinischen Vulgata begegnet uns der Begriff paenitentia, "Reue". Bald schon schliff er sich ab zu poenitentia im Bezug zu poena, "Strafe". Martin Luther formte aus dem mittelhochdeutschen "baß", bessern, den Begriff "Buße". Nicht der Mensch schafft eine Verbesserung der inneren Haltung - und wenn er noch so zerknirscht wäre. Nein, Gott schenkt Umkehr. Vielleicht können wir schon mal die Steine von unseren Gräbern wälzen, um sie zu durchlüften?

Im Gegensatz zu Jesus zog sich Elia nicht freiwillig in die Einöde zurück: Er, der gerade 450 Priester hatte umbringen lassen, floh vor der Rache einer Frau, der Königin Isebel.

Nun will er sterben und klagt: "Es ist genug" oder "ich bin allein übrig geblieben" (1. Könige 19,4 und 10). Es ist keine Zerknirschung, sondern innere Leere. Jahwe, gerade noch der Gewittergott vom Karmel, zeigte sich nun Elia gegenüber: Er ist weder im Sturm noch im Erdbeben oder im Feuer - sondern in der Stille (19, 11 ff.). Dann ließ er Elia seinen Begleiter und Nachfolger Elisa finden. Dieser scheint weicher, tritt aber erst nach der Entrückung Elias wieder auf.

Wie lässt sich nun im Alltagstrott der versteinerten Strukturen göttliche Energie fruchtbar machen? Gottfried Orth gibt uns Hilfen gegen ungute Beziehungsgeflechte im Gemeindealltag mit zahlreichen Übungsbeispielen. Uns wieder ganz werden zu lassen - diese Hoffnung trägt uns durch den Buß- und Bettag hin zum Advent.   

Buchtipp: Gottfried Orth: Gewaltfreie Kommunikation in Kirchen und Gemeinden. Junfermann-Verlag 2016, ISBN: 978-3-95571-480-2, 224 Seiten, 21,99 Euro.

                      Susanne Borée


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