Ein Flüchtlingskind namens Lothar

Flüchtlingsfamilie
Flüchtlingsfamilie. Foto: Ausstellung Deutscher Marinebund, Laboe

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge erinnert an die Flucht über die Ostsee 1945

Dieser Friedhof ist anders als andere Kriegsgräberstätten. Die meisten der kleinen Kreuze am Friedhof Oksböl in Dänemark tragen Namen von Säuglingen - oft nur wenige Tage alt. Sie starben in einem Flüchtlingslager an Unterernährung. Sie heißen Karl-Hermann, Manfred, Lothar oder Hedwig. Doch obwohl ihre Namen nach alten Männern klingen, hatten diese Kinder keine Chance älter als ein paar Tage oder Wochen zu werden. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. erinnerte in diesem Jahr mit einer Pressefahrt an die Opfer der Flucht über die Ostsee. Mit dem Vormarsch der Roten Armee auf Ostpreußen beginnt zum Ende des 2. Weltkrieges die größte Evakuierungsak­tion der Geschichte. Nach einer abenteuerlichen Flucht erreicht die Schwangere Anne Rutkowski mit drei ihrer fünf Kinder Oksböl in Dänemark. Sie kommt aus Liewenberg in Ostpreußen. Es ist ein Lager für deutsche Kriegsflüchtlinge.

Am 22. September 1945 werden die Zwillinge Lothar und Manfred geboren. Wie viele andere Säuglinge können sie nicht richtig ernährt werden und sterben zwei Monate später im Lazarett. Auf dem Friedhof von Oksböl liegen hunderte solcher Kleinkinder. Es ist eher ein Flüchtlingsfriedhof denn ein Kriegsgräberfriedhof. Man spricht auch vom "Friedhof der Kleinkinder und Omas". Hier sind lediglich 121 Soldaten bestattet, aber 1.675 Flüchtlinge.

Nach dem Abzug der deutschen Truppen aus Dänemark bleiben mehr als eine viertel Million deutsche Flüchtlinge im Land. Entkräftung und Krankheit fordern viele Opfer. Über 17.000 Flüchtlinge - meist Frauen, Kinder und alte Menschen sterben.

Nicht selten erzählen die Gräber hier in Oksböl von grausamen Familien-Tragödien. In einer der Reihen taucht der Familienname Sahm fünfmal auf. Fast nebeneinander wurden Birgit Sahm (44 Jahre) und ihre Kinder Birgit (1 Jahr), Ludwig (2 Jahre) und Eleonora (3 Jahre) bestattet.  Etwas weiter liegt Oma Hedwig Sahm (72 Jahre). Auch sie kamen aus Ostpreußen. Dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge e.V. liegt ein Schriftverkehr aus dem Jahr 1966 vor, in dem der Regierungsmedizinaldirektor Leo Sahm aus Rottweil über den Verbleib der sterblichen Überreste seiner Mutter, seiner Frau und der Kinder nachfragt. Sie wurden in diesem Jahr aus anderen Begräbnisstätten Dänemarks hierher überführt.

Im Sommer 1944 beginnt die Endphase des Zweiten Weltkriegs. Die alliierte Landung in der Normandie am 6. Juni markiert den Auftakt zur Befreiung Europas von der deutschen Besetzung. Gleichzeitig setzt die Rote Armee an der Ostfront zu einer neuen Großoffensive an. Am 29. Juli erreichen die sowjetischen Truppen die Rigaer Bucht. Die deutsche Heeresgruppe Nord wird in Lettland und Estland abgeschnitten und besitzt nur noch Übersee Verbindung nach Westen. Nun wird auch die Ostsee, bis dahin faktisch ein deutsches Binnenmeer, zum Kriegsgebiet.
Zugleich beginnt die Evakuierung von deutschen Soldaten, Verwundeten und Flüchtlingen aus dem Osten übersee. Der erste große Einsatz dieser Art erfolgt im September 1944, als rund 50.000 Wehrmachtsangehörige und 85.000 Zivilisten aus Reval abtransportiert werden. Bis in die letzten Kriegstage besitzt jedoch der Transport von Verwundeten und militärischen Gütern oberste Priorität. Nur wenn an Bord der Transportschiffe noch Platz ist, dürfen Flüchtlinge mitfahren. Doch was dann auf sie wartet, ist oft nicht die rettende Heimat, sondern Strapazen, Internierung oder Tod.

Durch die größte Evakuierungsaktion der Menschheitsgeschichte konnten etwa 2,5 Millionen Menschen vor einem ungewissen Schicksal in den Ostgebieten bewahrt werden. Die meisten Flüchtlinge überlebten zunächst trotz Kälte, Hunger und qualvoller Enge bei der gefährlichen Überfahrt. Jeder verfügbare Schiffsraum wurde ausgenutzt. Ab Februar wurden die meisten Transporte nach Kopenhagen umgeleitet weil die deutschen Häfen überfüllt waren. Die Menschen wurden von der deutschen Wehrmacht in Schulen, Fabriken und Sporthallen untergebracht und verpflegt.

Vom März 1945 an häuften sich durch die vom Osten kommenden Verwundetenschiffe die Todesfälle, so dass man bald in allen Orten mit Lazaretten Soldatenfriedhöfe einrichten musste. Im April 1945 wurde die Lage in Kopenhagen immer kritischer. Verwundeten-, Soldaten- und Flüchtlingstransporte folgten Schiff auf Schiff und stauten sich auf der Reede, da allmählich die Schienenwege unterbrochen wurden.  

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