Leben am Fluss - Leben im Fluss

Andreas Hessenauer
Andreas Hessenauer. Foto: Privat

Lebenslinien in Gottes Hand (113): Reise entlang der Pegnitz, die Menschen bewegt

Immer wieder wird die Pegnitz zum Jordan für die Mandäer. "Darüber habt ihr doch mal etwas im Sonntagsblatt gemacht." So fragte Andreas Hessenauer vor Monaten an. Ja, keine drei Jahre ist es her seit einer Begegnung mit Sabih Alsohairy. Der Gemeindevorsitzende der Mandäischen Gemeinde in Deutschland wohnt in Nürnberg. Zu Lichtmess, Anfang Februar 2015, entstand der Artikel "Taufe der Turbanträger" über diese weit verstreute Gemeinschaft. Sie sieht sich in der Nachfolge Johannes des Täufers. Ihre Wurzeln sind weitaus älter. Bis zu den alten Sumerern reichen ihre gnostischen Traditionen, in denen sich Licht gegen die Finsternis durchsetzt.

Andreas Hessenauer war auf der Suche. Nicht unbedingt zu einer Religion der Erkenntnis. Aber zu Menschen, deren Leben mit dem Fluss Pegnitz verbunden ist. So gelangte er auf die Homepage unseres Sonntagsblattes. Der Kontakt zu Sabih Alsohairy war schnell vermittelt: Er ist nun einer der 22 Menschen, deren Leben "im Fluss" Andreas Hessenauer liebevoll porträtiert. Dabei ist er Diplom-Informatiker im öffentlichen Dienst. Eigens für sein Buchprojekt reduzierte er seine Arbeitsstunden.
Und er suchte Künstler und Kletterer, Fliegenfischer und Vertriebene, Aussteiger und Archivare auf. Im Alltagsleben hätten sie sich wahrscheinlich nie getroffen. Zwischen Pegnitz und Fürth verbindet sie der Fluss.

Heimat - das ist für den gebürtigen Iraker Sabih Alsohairy auch die Pegnitz und ihre Metropole Nürnberg. Andreas Hessenauer ist es wichtig, ebenfalls die Mandäer in seinem Heimatbuch vorgestellt zu haben. Verwurzelung bedeutet für den Autor aus Rückersdorf viel. Darüber dachte er bereits nach, lange bevor der Begriff nach der Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zum 3. Oktober in aller Munde ist. Schließlich erschien Hessenauers Pegnitz-Buch bereits im September.

"Heimat ist für mich die Umgebung, in der ich verwurzelt bin", so Andreas Hessenauer. Dort, wo er seine Freunde kennt. Und die besonders schöne Stelle am Fluss, an der ihn niemand stört. Es ist für ihn keine "Begrenzung", sondern öffnet den Blick für weite Horizonte. So engagiert sich Andreas Hessenauer auch intensiv in der Flüchtlingsarbeit.

Als er sein Buch in Lauf an der Pegnitz vorstellte, warf Hessenauer gleichfalls die Frage nach "Heimat" auf. Und er beantwortete sie ähnlich wie jetzt auch im Gespräch mit dem Evangelischen Sonntagsblatt. Bei der Lesung war auch ein Syrer dabei, der Hessenauer später ansprach: "Ja, das stimmt alles. Mir geht es ähnlich."
Zusammen mit dem Fotografen Chandra Moennsad und Layouter Ralf Brendjes holt Andreas Hessenauer die Menschen am Fluss ins Licht. Dabei schuf er ein besonderes Buch. Nicht nur sein Querformat ist ungewöhnlich.

Detailansichten ermöglichen die zahlreichen Fotos. Sie fangen ganz ungewöhnliche Perspektiven und Stimmungen ein. Vor fünf Jahren fuhr Andreas Hessenauer mit seinem Sohn die Pegnitz im Kanu hinab. Noch immer schwärmt er von dieser tollen Erfahrung, die Landschaft ganz neu, von ganz unten, direkt vom Wasser aus zu sehen.

Es war auch eine Tour der Begegnungen: Etwa mit einem Wehrmeister, dem sie den verlorenen Rechen aus dem Wasser holten und sich danach das Bier teilten. Dieser findet sich nicht im Buch wieder. Aber es entstand die Idee, Menschen an der Pegnitz noch einmal neu zu entdecken. Viele Menschen an seinem Heimatfluss kannte Andreas Hessenauer natürlich bereits. Andere Begegnungen suchte er gezielt: Natürlich musste das Thema "Fischen" ins Buch. Eigens für diese Suche ging Hessenauer zu einem Sommerfest eines örtlichen Angelvereins. Doch dann entdeckte er die Fliegenfischerin, die er nun porträtiert.

Er zeigt in seinem Buch eine breite "Brandbreite von Lebensabenteuern" vom heimatverbundenen Mundartdichter bis zum heimatlosen Obdachlosen. Dazu gehört der Moment des Glücks am Wasser und genaue Facetten der Erinnerungsar-beit. Die "Dorfbewohner ohne Dorf". Hermann Hollfeder und Martin Rost kehren immer wieder zurück in die untergegangenen Orte ihrer Kindheit. Fischstein und Oberbrand wurden abgerissen, weil sie in der Kernzone eines Trinkwasser-Schutzgebietes für Nürnberg lagen. Sie erinnern sich ist aber nicht nur an ein verlorenes Paradies, ein 'Bullerbü' an der Pegnitz. Nein, Hollfeder weiß noch genau, dass er in der Nachkriegszeit für seine Mithilfe bei der Kartoffelernte als Wochenlohn - einen Laib Brot erhalten hatte.

Die Hölle war Hersbruck. Klaus Wiedemann setzt sich dafür ein, "dass sich die Stadt ihrer jüngeren Geschichte stellt". Ihm geht es dabei um mehr als um die Vergangenheit. "Es geht um die Zukunft." Unschwer zu erraten nach dieser Einleitung: Er ist Mitglied im Verein "Dokumentationsstätte KZ Hersbruck e. V.". Andreas Hessenauer zeigt aber auch, dass sich Hersbruck heute zur entschleunigten Idylle gewandelt hat.

Das Buch ist eher meditativ. Auf der ersten Seite schlängelt sich silbern das Band des Flusses über die dunkelblaue Seite. Schon ungezählte Male habe ich mit der Hand darüber gewischt, als wäre es ein verlorenes Haar, das sich dort verfangen hätte. Schemenhafter im dunklen Blau treibt ein Baum wohl den Fluss entlang. Das "Band des Flusses" wird zu Beginn jedes Kapitels wieder aufgenommen. So wird die jeweilige Station plastisch greifbar.

Schließlich will Hessenauer keine Romantisierungen. Ein Dutzend Kilometer weiter flussabwärts verwaltet Ina Schönwald ihre "Schatzkammer". Nein, es ist nicht "nur" das Laufer Stadtarchiv - sondern auch ein Ort, an dem Herzen für die Heimat und den Aufbruch schlagen.

Fliegenfischerin, Schäfer, "Biberflüsterer" beleuchten die tierische Seite des Flusses. Kletterer (ein wahres Mannsbild mit Waschbrettbauch vom Feinsten, der auch entsprechend in Szene gesetzt ist!) und Taucher, Kajak-Pionier und Gondoliere zeigen uns praktisch jede Welle oberhalb und unterhalb des Wasserspiegels. Pechwirtin und Diplom-Ingenieur, der das Nürnberger Abwasser klärt und ein Existenzgründer, der in Fürth ein Mini-Kraftwerk in die Fluten hält, haben ihre Existenz aufs Wasser gebaut - ebenso wie der Obdachlose "Cobra" in Nürnberg und Tim Richter weiter oberhalb an der Harnbachmühle. Wie kommen sie jeweils in ihrem Leben an?

                      Susanne Borée

Andreas Hessenauer, Chandra Moenssad: Menschen am Fluss. Eine Reise entlang der Pegnitz, Fahner-Verlag, Lauf an der Pegnitz 2017, ISBN 978-3-942251-35-8, 220 Seiten; 29,95 Euro.

Einen ersten Einblick in das Buch finden Sie unter
http://de.calameo.com/read

http://menschenamfluss.de

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 10. Dezember 2017:

- Ein besonderer Erinnerungsort: Synodale besuchen Johann-Flierl-Projekt im oberpfälzischen Fürnried

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