Kein langer Weg zum "Guten König"?

Löwenherz-Denkmal
Kopf des Löwenherz-Reiterstandbildes von Baron Carlo Marochetti, 1860, in London (Ausschnitt). Foto: © D. Gilbert

Landesausstellung in Speyer über Richard Löwenherz stellt Inszenierungen heraus

Richard Löwenherz (1189-1199) galt lange als edler Ritter und heldenmütiger König. Wirklich? Die aktuelle Landesausstellung in Speyer zeichnet mit wertvollen Ausstellungsstücken den Weg dieses legendären englischen Königs und vollendeten Ritters nach. Er war auf der Burg Trifels in der Pfalz unweit der Stadt Speyer mehrere Monate lang gefangen. Für die Schau wirbt das Dommuseum mit einem markanten Profilkopf Richards. Sicher ein Blickfang - doch erst im 19. Jahrhundert geschaffen. Ein Bildnis in einer Chronik, die Mitte des 13. Jahrhunderts entstand, zeigt ihn deutlich blasser. Doch auch sie hat ebenso wenig wie alle Bildnisse seiner Zeit Porträtcharakter.

Die Schau in Speyer lenkt so den Blick auf Inszenierungen. Und sie inszeniert selbst: So lässt sie Richard von seinen Reisen "twittern" - mit eingebauten Anglizismen. Ebenso wie die Darstellung Richards auf dem beeindruckenden Denkmal lockt sie also mit den Mitteln ihrer Zeit - nur etwas weniger heroisch.

Richard trat ein wertvolles Erbe an: Bereits sein Vater Heinrich II. besaß neben den englischen Kernlanden bis hinauf zur Grenze Schottlands sowie Teilen Irlands sogar mehr als die Hälfte des westlichen Frankreichs bis hinunter zu den Pyrenäen: Von der Normandie über Anjou bis hinunter nach Aquitanien, dem Erbe seiner Frau, lag dort Heinrichs II. Einflussbereich. Er schuf in seinen ausgedehnten Besitzungen eine effiziente Verwaltung.

Der drittgeborene Sohn Richard setzte sich Ende der 1180er Jahre als neuer Herrscher durch - mit Hilfe seiner Mutter Eleonore von Aquitanien. Gleich nach seinem Regierungsantritt begab er sich auf den Dritten Kreuzzug. Dafür hatte er seine Heimat finanziell ausbluten lassen. Im Heiligen Land zeichnete er sich jedoch als ritterlicher Held aus.

Doch Herzog Leopold V. von Österreich, der von Richard beleidigt worden war, ließ ihn bei seiner Rückkehr vom Dritten Kreuzzug in Wien gefangen setzen. Kaiser Heinrich VI. nutzte diese Notlage Richards aus und erpresste für die Freilassung ein riesiges Lösegeld.

In Frankreich bot der kalte Rechner, König Philipp II. August dem Kaiser seinerseits riesige Summen an, wenn er Richard noch ein wenig länger im Kerker schmoren ließe. Mit Philipp II. stieg erstmals seit Jahrhunderten wieder ein französischer König zum mächtigsten Fürsten seines Reiches auf. Zunächst herrschte er nur über die so genannte Ile de France, eine kleine Region rund um Paris.  

Während Richards Gefangenschaft versuchte sein Bruder Johann Profit zu ziehen, wo er nur konnte: Die Robin-Hood-Legende verortet sich an dieser historischen Stelle und formte Jahrhunderte lang die Erinnerung an ihn und Richard. Doch wo beginnen hier die Legenden?

Nur Mutter Eleonore kümmerte sich darum, dass er aus der Gefangenschaft Kaiser Heinrichs VI. freikam. Um den Lösegeldforderungen gerecht zu werden, benötigte Richard noch mehr Geld als sein Kreuzzug ohnehin schon gekostet hatte.

Schließlich sah sich Richard selbst gerne in der Rolle des legendären Ritterkönigs Artur. Hatte nicht schon seine Mutter Eleonore als "Königin der Troubadoure" gegolten? Richards Löwen-Wappen galt schon bald als Ausdruck innerer Gesinnung.

Richard förderte die Geschichtsschreibung und Dichtkunst. Zwei Lieder aus seiner Feder sind überliefert - geschrieben hatte er wohl mehr. Seinen höfischen Lebensstil und besonders seine Kühnheit - auch wenn sie zu seinem sinnlosen Tod bei einer unbedeutenden Belagerung führte -   priesen und verklärten die Dichter.

Richards Bruder Johann trat ein schweres Erbe an. Doch: Er "war ein schwieriger Charakter. Seit dem Verlust der Besitzungen in Frankreich stand er unter Druck. Auch die Barone hatten normannische Wurzeln, ebenso wie die großen Klöster. Ein König, der diesen Besitz nicht schützen konnte, wurde zum schwachen König", meint Martin Kaufhold im Ausstellungskatalog. Um die Gebiete in Frankreich zurück zu erobern, die Philipp II. nun besetzt hielt, brauchte Johann mehr Mittel aus England. Da er seine Forderungen direkt überwachte, erschienen sie viel drückender. Er ließ Kirchengüter beschlagnahmen, was ihm Kleriker übel nahmen. Und die Barone zwangen ihm schließlich die Magna Charta auf.

Vor dieser Folie erscheint der Stern Richards umso heller: Bei seiner Beurteilung gibt es offenbar zwei Überlieferungslinien: "Wegen der Besteuerung kirchlichen Besitzes, aber auch wegen seiner Prunkliebe, Verschwendung und Aggressivität urteilten geistliche Autoren fast durchweg negativ über das Regiment Richards. Die Stimmen weltlicher Zeitgenossen zeigen indes, dass gerade diese Eigenschaften die Wertschätzung des ritterlichen Publikums genossen." So Jan Keupp im Ausstellungskatalog.

Mehr Schein als Sein? Künstler des 18. und 19. Jahrhunderts trugen einen guten Teil zum Nachruhm Richards bei. So etwa Walter Scott in seinem Ivanhoe. Und Heinrich Heine dichtete in seinem Richard-Lied im Romanzero mit den Worten: "Dem König ist wohl in der freien Luft. / Er fühlt sich wie neugeboren." Hier wird Richard fast zum Freiheitshelden.

Andere, allen voran Richards Gegner Philipp II. August, wussten effizienter ihre Herrschaft zu stärken. Die Ausstellung in Speyer ist äußerst sehenswert. Doch trägt zu ihrer Bekanntheit wohl auch die Anknüpfung an den "Löwenherz"-Mythos bei. Dennoch lohnt es sich darüber nachzudenken: Ist der Ruhm mit den Schillernden anstatt mit den Erfolgreichen? Richard stilisierte sich selbst als legendären gerechten Herrscher, wie Sabine Kaufmann in ihrem einleitenden Aufsatz im Ausstellungskatalog darlegt.

Neben vielen sehens­werten Ausstellungstücken aus dem hohen Mittelalter und der hervorra­genden Einordnung historischer Ereignisse in der Ausstellung lohnt die Erkenntnis: Herrscher sind keine Messias-Gestalten - das zeigt gerade Richards Beispiel.

                Susanne Borée

Ausstellungen im Historischen Museum der Pfalz Speyer am Domplatz noch bis zum 15. April zu Richard Löwenherz und bis zum 3. Juni über Robin Hood: dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr. Mehr online unter http://museum.speyer.de/aktuell/ oder Tel. 06232/620222. Kombiticket für beide Ausstellungen für Erwachsene 20 Euro, für Kinder ab sechs Jahren 8 Euro; auch Einzelbesuch möglich.

Katalog über Richard Löwenherz, 416 Seiten, im Museum 24,90 Euro. ISBN 978-3-7954-3165-5.

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