Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade

Brücke
Foto: Bek-Baier

Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt. Denn er spricht (Jes 49,8): "Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen." Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!  

                      (aus 2. Korinther 6, 1-10)

''Es ist einfach viel'', seufzt neben mir eine Mutter, die wie ich einen ''Achtsamkeitskurs'' besucht. ''Beruf und Familie. Die Ansprüche der anderen, aber auch meine eigenen Ansprüche an mich selbst. Wie im Hamsterrad. Keine Zeit. Meine eigenen Bedürfnisse sind darüber verloren gegangen. Und dann reicht die Kraft nicht mehr. Der Akku ist leer.''

Beim Spaziergang in einer Pause entdecke ich im toten Hagebuttengestrüpp erste zarte neue Knospen - mitten im Winter. Milde scheint die verzagte Wintersonne darauf. Ich denke an die Verheißung des Paulus: Jetzt ist die willkommene Zeit - jetzt! Nicht irgendwann! Nicht, wenn ich meine guten Vorsätze durchgehalten habe.

Nicht, wenn ich eine bestimmte Leistung erbracht habe. Ich muss nicht erst die ganze Tugendliste des Paulus erfüllt haben. Das ist ein Missverständnis. Die Zeit der Gnade beginnt vollkommen bedingungslos, unverdient, und vor allem: jetzt.
Darum steht im Paulustext all den Aufzählungen voran diese Zusage: Jetzt ist die Zeit der Gnade. Gnade? Unseren Ohren klingt das Wort fremd. Wir brauchen einen neuen Zugang zu diesem Versprechen. Wahrscheinlich, weil wir in unserer gnadenlosen Zeit einfach so wenig davon verspüren. Vielleicht auch, weil die bedingungslose Gnade zu wenig gelebt und verkündigt wird.

Dabei hat Paulus es uns vorgelebt: Er war ein Diener Gottes, der selbst Leid, Schwachheit, menschliche Begrenztheit kannte. Doch er wusste: Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Er lebte aus der Gnade heraus wie aus einer frischen Quelle. In großer Geduld, wie er es selbst beschreibt. Und damit meint er nicht ein Hinnehmen oder Ertragen, sondern diese beharrliche Hoffnung auf Gottes Liebe und Gnade. Er, der oft schwach war, fühlte sich von der bedingungslosen Liebe Gottes getragen und verkündigte diese Botschaft auch weiter.

"Siehe, es ist sehr gut", stellt Gott fest, als er seine Menschen geschaffen hat. "Siehe, heute ist der Tag des Heils", fasst Paulus die Liebeserklärung Gottes an uns Menschen zusammen, die mit Jesus Christus in unsere Welt kam.

In dem Wissen, dass Gott jeden Menschen so liebt wie er ist, lebt Paulus. Das Beste daran: Ich muss diese Erkenntnis nicht aus mir selbst heraus finden. Ich darf mir diese Gnade von Gott schenken lassen. Den grünenden Hagebuttenzweig nehme ich als Symbol dafür.

Der Achtsamkeitskurs ist vorbei. Akku aufgeladen. Zurück im Alltag zwischen Frühdienst und Pausenbroten. Ja, in dieser Welt kommen wir an unsere Grenzen. Doch mit erfrischter Wahrnehmung kann ich wieder anders leben. Ich habe etwas von dieser anderen Wirklichkeit gespürt, die mit Jesus Christus begonnen hat. Jetzt ist die Zeit der Gnade! Meine Augen wurden wieder geöffnet für diese bedingungslose Liebe, die Gott mir schenkt und die meine Sehnsucht stillen kann. Wie die kleinen Knospen mitten im toten Hagebuttengestrüpp, die ich gesehen habe.       

              Kirsten Müller-Oldenburg, Pfarrerin der Kirchengemeinde

              Eisingen, Kist und Waldbrunn und Diakoniebeauftragte

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