Zwingender Weg zum ewigen Krieg?

Buchcover

Historiker Wilson bietet umfangreiche Darstellung zu diesen Glaubenskämpfen

Die Prügelei, die zur ewigen Gewalt des Dreißigjährigen Krieges führte: Dem "Kreuz- und Fahnengefecht" in Donauwörth kam Initialwirkung zu. Die Reichsstadt war an der Wende zum 17. Jahrhundert bi-konfessionell. Aber von den 4.000 Einwohnern waren gerade einmal 16 Haushalte katholisch geblieben. Die Fronten verschärften sich. Dabei wurden die Katholiken von den Mönchen des Benediktinerklosters Heilig Kreuz unterstützt, das unter dem Schutz des Bischofs von Augsburg stand.

War der Dreißigjährige Krieg unvermeidbar - zumindest seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555? Das bestreitet der britische Historiker Peter H. Wilson. Der Ton zwischen herrschenden Vertretern beider Konfessionen war nach 1600 deutlich rauer geworden, wie Wilson natürlich ebenfalls bemerkt. Trotzdem "bestand kein offenkundiger, zwingender Grund für einen Krieg. Die bestehenden Probleme waren ernst, doch nicht unüberwindbar". Zwischen 1555 und 1618 habe eine so lange Zeit des Friedens geherrscht wie sonst nicht mehr in den nächsten 400 Jahren.

Peter H. Wilson verknüpft viele Aspekte des komplexen Konflikts in seiner Gesamtdarstellung "Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie" miteinander. Intensiv beschäftigt er sich auch mit der Vorgeschichte, die zum Ausbruch des Konfliktes führte. Im ersten Drittel seines 1.144-seitigen Werkes geht er diesen Verschlingungen detailreich nach. Allein aufgrund der Materialfülle und des Detailreichtums ist das Werk nicht als Nachttischlektüre geeignet. Es bietet aber Grundlagenforschung. War der Krieg ein Kampf um die Hegemonie im Heiligen Römischen Reich oder eher ein Religionskrieg? Wohl beides.

Wie konnten die Donauwörther dieses Ringen auslösen? Ab 1605 durften die katholischen Einwohner dort ihre Prozession nur mit eingerollten Fahnen begehen. Im April 1606 durchquerte eine kleine Schar Katholiken die Stadt dennoch singend und mit wehenden Fahnen. Dies endete in einer zünftigen Prügelei. Ein Notar des Bischofs von Augsburg protokollierte den Vorfall. Anscheinend war er wohl nicht nur zufällig vor Ort. Habsburger-Kaiser Rudolf II. drohte der Stadt mit der Reichsacht.

Politik + Religion verquirlt

Er beauftragte Maximilian I. von Bayern mit der Reichsexekution - trotz vehementen Protests Schwabens. Denn Donauwörth gehörte zu diesem Reichskreis. Noch während des Verfahrens schickte Bayern 6.500 Mann Truppen, die die Stadt Ende 1607 ohne Gegenwehr besetzten. Sie sollten bleiben, bis die Stadt die sehr hoch gegriffenen Kosten für die Besetzung aufgebracht hatte. Die Lutheraner wurden aber nicht aus der Stadt verdrängt. Maximilian wollte Bayern stärken. Er schuf zunächst eine effektive Verwaltung. Und er benutzte die Liga, um katholische Interessen im Sinne Bayerns zu stärken.

Die lutherischen Reichsstände besaßen mehr Territorien, waren aber in den Institutionen des Reiches unterrepräsentiert. Denn sie waren - kurz gesagt - weniger zersplittert. Und es gab ja keine geistlichen Fürsten wie Bischöfe oder Reichsäbte. Daher fühlten sie sich latent bedroht. Ihre Gebiete waren ebenfalls geschwächt durch territoriale Teilungen unter den Söhnen, die nun keine adäquate geistliche Laufbahn mehr einschlagen konnten.

Lutheraner meinten zudem, ein Widerstandsrecht gegen den katholischen Kaiser zu besitzen: Die einzelnen Untertanen sollten zwar ihrem Fürsten gehorchen. Doch diese durften sich dem Kaiser widersetzen, wie auch Luther selbst schon zugestanden hatte. Denn er war von den Kurfürsten gewählt und somit nicht direkt von Gott eingesetzt. Und Calvinisten wollten gleiche Rechte wie Lutheraner. Gerade die Pfälzischen Kurfürsten waren seit den 1560er-Jahren dem Calvinismus zugeneigt - leider etwas zu spät für 1555.

Ein Reichstag von 1608 endete erstmals ohne gemeinsame Erklärung. Nach dem Fall Donauwörth schlossen sich die evangelischen Reichsstände nun zur Protestantischen Union zusammen - halt, sagt Wilson: Nur rund die Hälfte der protestantischen Reichsfürsten, meist aus Süddeutschland, nahm dran teil.
Die katholische Liga entstand daraufhin als Gegenbündnis unter Führung Bayerns.

Die Habsburger Kaiser zauderten eher, da sie noch im Südosten im Kampf mit den Osmanen standen. Nicht alle Vertreter einer Konfession hatten also die gleichen Interessen. Doch 1613 kamen Vertreter der Union in Rothenburg ob der Tauber zusammen. Sie forderten erneut die Freiheit Donauwörths. Sie lehnten es ab, die Union aufzulösen so lange die Liga bestand.

Da hatte Friedrich V. bereits mit 18 Jahren anno 1610 die Herrschaft in der Pfalz übernommen. Der strenge Calvinist, der sich von Gott persönlich erwählt fühlte, heiratete eine Tochter des englischen Stuart-Königs Jakobs I. Damit sah er sich in der ersten Reihe radikaler Protestanten.

Dann kam das erste Reformationsjubiläum 1617: Der sächsische Kurfürst ließ sich als "neuen Moses" feiern, da die Vorgänger schon Luther geschützt hätten. Er wollte jedoch eher den Augsburger Religionsfrieden 1555 erhalten.
 Der aktuelle Habsburgerkaiser Matthias musste seine Nachfolge regeln. 1617 hatte er sich für seinen Cousin Ferdinand entschieden, der außerdem in Ingolstadt zusammen mit Maximilian I. studiert hatte. Ferdinands Anspruch auf Böhmen führte zum Prager Fenstersturz im Mai 1618 (demnächst im Sonntagsblatt). Ihm warfen die Stände, die Religionsfreiheit der Protestanten zu verletzen, vor. Der Pfälzer Friedrich V. ließ sich zum Prager "Winterkönig" krönen - die Spirale der Gewalt begann sich für die nächsten 30 Jahre zu drehen.

Die Kämpfe forderten wohl acht Millionen Menschenleben - mindestens ein Drittel der Bevölkerung des Reiches. Nach der Ursachenforschung betrachtet Wilson im zweiten Teil auf 500 Seiten ausführlich die chronologischen Kriegsereignisse. Auch hier breitet er detailreich seine Forschungen aus. Zusammenfassende Schaubilder oder Querverweise hätten sein Werk auch hier benutzerfreundlicher gestaltet.

Doch Wilson diskutiert ausführlich die Konsequenzen des Krieges: Der Kaiser war geschwächt, Nachbarn des Reiches gestärkt - im Wesentlichen aber der Augsburger Religionsfrieden von 1555 bestätigt:  Hemmte der Krieg die Einigung der Deutschen Länder, wie es Historiker des 19. Jahrhunderts beklagten, da er die Zersplitterung zementierte? Oder war er ein Garant der Freiheit? So deuteten ihn gerne zeitgenössische Protestanten. Auch hier gibt es wohl kein Entweder-Oder.    

Peter H. Wilson: Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie. Theiss-Verlag - WBG 2017. 1.144 S. ISBN: 978-3-8062-3628-6; 49,95 Euro.

                     Susanne Borée


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