Den Ozean der Religionen auslöffeln?

Johannes Lähnemann und Angela Merkel
Johannes Lähnemann (rechts vorne) beim Empfang für die Mitglieder der Deutschen Islamkonferenz bei Bundeskanzlerin Angela Merkel im Juni 2009. Links hinter Merkel Mathias Rohe. Foto: privat

Lebenslinien in Gottes Hand (125): Lebenswerk dem Dialog der Religionen gewidmet

Ostanatolien war für ihn ein Wendepunkt: "Es ist dieses staunende, sensible Begegnen mit einer ganz unvertrauten Kultur, Religion und Lebenswelt, die uns fasziniert und von da an immer wieder in Erfahrungsräume jenseits unserer traditionellen Grenzen geführt hat." So erinnert sich Johannes Lähnemann in seiner aktuellen Autobiografie an den Sommer 1965. Gerade hatte er damals mit 24 Jahren sein erstes theologisches Examen bestanden. Da reiste er seiner Braut Susanne hinterher. Sie half ihrem Vater bei Ausgrabungen am östlichen Rand der Türkei.

Seitdem interessiert Johannes Lähnemann der Blick über die eigenen vier Wände, über die heimatliche christliche Religion hinaus. Schon zu Beginn seiner Tätigkeit als Dozent in den 1970er Jahren stellten ihm Studierende eine Frage, die ihn über die Jahrzehnte hinweg begleiten sollte: Wie können wir unseren christlichen Glauben vertreten - angesichts der Herausforderung durch andere Weltreligionen?

Gastarbeiter, Fernreisen und Fernsehen hatten da schon ihre Spuren hinterlassen - noch bevor das Internet die Welt immer weiter zusammenrücken ließ. An erster Stelle stand für Lähnemann da der Islam. Gerade in Nürnberg spielten Gastarbeiter zumeist aus der Türkei eine immer größere Rolle. Dorthin erhielt Lähnemann 1980 seine Berufung auf den Lehrstuhl für Religionspädagogik an der Uni Erlangen-Nürnberg.

Lähnemann begab sich da immer wieder auf spannende Entdeckungsreisen - auch nach Indien ins Mutterland des Hinduismus. Der katholische Reiseführer dort zog einmal die Augenbrauen hoch, als er von dem umfangreichen Entdeckungsprogramm des Nürnberger Theologen hörte: "Haben Sie vor, mit einem Becher einen Ozean auszutrinken?", fragte er. "Das Bild vom Becher und vom Ozean", so Lähnemann weiter, "begleitete mich künftig auf den Wegen des Erkundens und des Staunens über die Vielfalt und Unendlichkeit."

Ab Mitte der 1980er Jahre be-gann Lähnemann an einem umfangreichen Werk zur "Theologischen Didaktik der Weltreligionen" zu arbeiten: Nicht die Messlatte des Christentums sollte gelten. "Es sollte vielmehr versucht werden, den Weg des anderen mit zu vollziehen, sich seine Erlebnisse, sein Denken und Handeln vor Augen zu führen, die anderen Religionen von ihren je spezifischen Wurzeln aus zu verstehen."

Eingang fanden seine Gedanken in das "Religionspädagogische Kompendium" von Gottfried Adam und Rainer Lachmann. Es begleitete viele Referendare und Religionspädagoginnen zu ihrem Examen: "Hören aufeinander und Lernen voneinander" ist Lähnemanns Essenz für die "Zugänge zu den Weltreligionen".
Gleichzeitig etablierte er ab den 1980er Jahren die Nürnberger Foren zu den Weltreligionen. Bald schon fanden sie im dreijährigen Rhythmus statt.

Die dritte Tagung 1988 "adelte" Hans Küng durch seinen Eröffnungsvortrag. Seine These "Kein Weltfriede ohne Religionsfriede" beeindruckte Johannes Lähnemann tief. Küng suchte einen Weg, "der die Wahrheit der anderen sieht und ernst nimmt und dabei die eigene Wahrheit nicht aufgibt". Und weiter: "Das Doppelgesicht der Religionen als Unheilsverstärker aus fanatischen Motivationen heraus, als Ressourcen für die großen friedensstiftenden Gestalten des 20. Jahrhunderts wurde von ihm auf das Spannungsfeld von Glaubensbewahrung und Friedensbemühungen bezogen", erinnert sich Lähnemann.

1993 unterzeichneten 200 Vertreter von Weltreligionen eine "Erklärung zum Weltethos" mit ethischen "Grundforderungen": Eine Kultur der Ehrfurcht vor dem Leben wollten sie entwickeln, Solidarität und gerechte Wirtschaftsordnung stärken, Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit entfalten sowie Gleichberechtigung und Partnerschaftlichkeit intensivieren. Die EKD-Denkschrift "Identität und Verständigung" bezog diese Gedanken bald auf den Religionsunterricht.

Klingt schön. Doch wie können sich diese Grundsätze im Leben der Einzelnen und der Gemeinden entfalten? Besonders nach der Jahrtausendwende und dem 11. September 2001, den Terroranschlägen auf das New Yorker World Trade Center und weitere Ziele in den Vereinigten Staaten? Und dies im Namen des Islams?

Johannes Lähnemann resignierte nicht: Er antwortete mit dem Runden Tisch der Religionen und trieb zusammen mit Kollegen die universitäre Ausbildung islamischer Religionslehrer voran. Gerade für den schulischen Modellversuch an der Universität Nürnberg-Erlangen war ein langer Atem erforderlich (wir berichteten mehrfach im Sonntagsblatt). Mal zögerte die Politik Entscheidungen heraus, dann wieder mussten Vorschläge sehr schnell verwirklicht werden. Lähnemann selbst setzte sich seit dem Wintersemester 2003/2004 für die folgenden drei Jahre als Praktikumsbegleiter in den islamischen Religionsunterricht.

Der Religionspädagoge engagierte sich ebenfalls dafür, dass das "Erlanger Modell" für die islamische Religionslehre Gestalt annehmen konnte - ebenso wie Lehrpläne für die verschiedenen Klassen und Schularten. Das "Interdisziplinäre Zentrum für Islamische Religionslehre" entstand 2002 als Plattform für die islamische Religionslehrerausbildung. Lähnemann, der Erlanger Rechts- und Islamwissenschaftler Mathias Rohe und andere begründeten es. Schulbücher und Arbeitsmaterialien entstanden.

"Terrorismus hat keine Religion", entgegnet Lähnemann den Kritikern, die auf die Verherrlichung von Gewalt im Islam hinweisen. Und: Man dürfe den Fanatikern nicht die Deutungshoheit über ihre Religion überlassen. Deutsche Imame erklärten bereits 2014 öffentlich, der Terror des Islamischen Staates geschähe "nicht im Namen Allahs und nicht in unserem Namen". Schon die Sure 2,256 betone: "Es gibt keinen Zwang in der Religion." Solche Traditionen gelte es zu stärken, um den Fanatikern zu zeigen, dass sie nicht die Essenz ihrer Religion repräsentieren. Nein, die Suche nach einem Sinn menschlicher Existenz sei in allen Religionen angelegt. Gemeinsam sei man da unterwegs, auch wenn nüchterne Gremienarbeit weniger fotogen ist.

Ein weiteres Projekt liegt Lähnemann am Herzen: Gerade erst hat er mit seinen Mitstreitern die erweiterte Neuauflage "Offene Türen. Religionsgemeinschaften in Nürnberg und Umgebung" herausgebracht. Darin präsentieren sich alle interessierten Religionsgemeinschaften der Region, um sich zu begegnen, die jeweiligen Grenzen zu respektieren und einander zuzuhören. So bringt es auch der evangelische Stadtdekan Jürgen Körnlein in seinem Grußwort auf den Punkt.   

Buchtipps: Johannes Lähnemann: Lernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosität, Vandenhoeck & Ruprecht 2017, 304 S; ISBN 978-3-525-70242-0; 19,99 Euro. Neuauflage "Offene Türen.

Religionsgemeinschaften in Nürnberg und Umgebung" beim dortigen Lehrstuhl für Ev. Religionspädagogik, Tel. 0911/5302549 oder unter E-Mail ­rpevang-sekretariat(at)fau.de, 96 Seiten, 8 Euro.

                      Susanne Borée

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