Hoffnung auf glückliche Wendung im Leben

Buchcover

Welche tiefe Botschaft haben Märchen für Frauen aus fernen Ländern?

Nürnberg. "Cinderella" ist deutschen Lesern wohl bekannt - als Aschenputtel. Die 17-jährige Schülerin aus Syrien hat es für das Buchprojekt "Märchen aus 1001 Land" nacherzählt, "weil ich mich mit Cinderella identifizieren kann". Nishten Bakar lebt seit 2016 in Nürnberg. Wie sie haben mehr als 30 nach Nürnberg zugewanderte Frauen oder Studierende  Märchen und Legenden aus ihren Herkunftsländern zusammengetragen. Das Buch "Märchen aus 1001 Land" haben die Flüchtlings- und Migrationsberatung der Stadtmission Nürnberg und die Frauenbeauftragten des Evangelisch-Lutherischen Dekanats Nürnberg gemeinsam verwirklicht.

Die Frauen aus der ganzen Welt, die sich für ein Märchen oder vielfach auch eine Fabel aus dem Traditionsschatz ihrer Heimat entschieden haben, erklären ihre jeweiligen Gründe. Nishten Bakar meint zu Cinderella weiter: "Sie hat viele Missstände und Schwierigkeiten meistern müssen und hat sich stets ihre Herzensgüte, ihren Mut und ihre Geduld bewahrt." Und weiter: "Am Ende hatte ihr Leidensweg eine glückliche Wendung, die ich mir auch für mein Leben wünsche."

Mahpischuni (Mondstirn) ist die persische Misch-Fassung von Frau Holle und Aschenputtel. Für das Märchenbuch hat es die Iranerin Maryam Fahimi ausgewählt, "weil meine Oma und meine Mutter es mir erzählt haben". Und: "Jeder erntet, was er sät." Das Mädchen Schahrbanu gelangt durch einen Brunnen in die Unterwelt, wo sie einem Monster zu Diensten sein muss und verschiedene Arbeiten zu erledigen hat. Zum Lohn dafür wird sie schön wie die "Mondstirn". Die Stiefschwester wiederum wird zur Strafe für ihre Faulheit hässlich gemacht. Sie darf aber zum Fest des Prinzen, während Mahpischuri die Hausarbeit erledigen muss. Eine gute Fee schmückt sie und schickt sie dennoch zum Fest. Wie Aschenputtel verliert sie bei der eiligen Rückkehr ihren Schuh, woran sie erkannt wird.

Überhaupt zeigt die Sammlung, welche Bedeutung und Traditionen die Motive des Aschenputtels und der beiden ungleichen Schwestern bei "Frau Holle" weltweit zukommen. Motive daraus finden sich in mehreren Geschichten. Die Nuancen in den weltbekannten Märchen nehmen gefangen."

Mit ihren Geschichten geben die Frauen einen feinsinnigen Einblick in ihre Identität und in die Wertewelten, zwischen denen sie sich bewegen", sagt Brigitte Fartaj, Leiterin der Flüchtlings- und Migrationsberatung der Stadtmission. Nicht nur die Eigenheiten und Unterschiede würden in der Märchensammlung sichtbar, viele Weisheiten und Symbole kehrten kulturübergreifend wieder, ergänzt die Dekanatsfrauenbeauftragte Gerda Fickenscher.

Die Italienerin Patrizia Arrigo-Daumenlang etwa erzählt ein Märchen vom "Sternlein Rosacielo" (Rosa Himmel). Wie die erste Morgenröte bringt es Glück für ein Kind, das in der Nacht seiner Traurigkeit gefangen ist. Dann kann es wieder in seinen Himmel aufstiegen - ganz ohne Probleme, die die Leserin nach der Warnung der Königin Stellagrande (Großer Stern) schon befürchtet hat.

Nicht nur für die Italienerin bedeutet dieses Märchen den Geschmack der Heimat und der Kindheit. Andere Geschichten repräsentieren für die Frauen wichtige Werte aus ihrer Heimat, "nämlich dass jeder immer helfen möchte" für die Kamerunerin Ornella.  

Die Geschichten sind sowohl in der jeweiligen Originalsprache (unter anderem russisch, armenisch, arabisch) als auch in einer deutschen Übersetzung abgedruckt. Auf der linken Seite ist die Erzählung in der originalen Landessprache abgedruckt. Neben den teils exotischen Schriftzeichen machen genauso die liebevollen Illustrationen verschiedener Künstlerinnen seinen ästhetischen Reiz aus. Das Märchenbuch ist bereits in der zweiten Auflage erschienen.

Da stört es auch nicht, dass einzelne Märchen nicht so vollkommen erscheinen. Die Fabel aus Lettland "Wie die Tiere die Düna gruben" ist leider schon nach einer Seite zu Ende. Sie bricht so abrupt nach den Tätigkeiten zweier Tiere ab, dass ich vergeblich nach einer Fortsetzung blätterte.

Dafür entschädigen viele weitere spannende Geschichten, etwa von Selkie, der Robbenfrau aus Irland. Da die Robbenfrauen in diesem Märchen ihr Fell ablegen, um am Strand zu tanzen. Ein Fischer nimmt eins dieser Felle und zwingt die dazugehörige Frau so in die Ehe, bis ihr Sohn ihr das Fell wiedergibt.

In enger Verbindung mit ihren irischen Wurzeln sieht Maeve Rohde sich in der Lage allen Herausforderungen in Nürnberg zu begegnen. Sie fügt hinzu: "Die andere Ebene spricht mich als Frau und Mutter an. Im Alltag kann ich oft vergessen, wer ich bin, was mich begeistert, mir Energie verleiht und Leidenschaft entfacht. Diese Geschichte erinnert mich daran, ich selbst zu sein, und diese Teile von mir immer mehr wahrzunehmen und zu leben." Wohin streben wir? Diese Tiefendimension erstreckt sich hin zu den religiösen Horizonten.

Und über die Untiefen des Alltagshandelns hinweg. Di Yang aus China erzählt ein Märchen über die schwierige Zusammenarbeit zwischen einem kleinen, einem großen und einem dicken Mönch: Sie können erst dann ihr neues Kloster gut bewässern, als sie arbeitsteilig zusammenwirken, anstatt sich über die Unzulänglichkeiten der anderen zu ärgern und zu schmollen.

Die Ukrainerin Maria Major-Kilimann hat nach Motiven aus ihrer Heimat ein eigenes Märchen geschrieben: Der ältere Bruder begibt sich auf Wanderschaft, um möglichst viele Lebenswahrheiten zu suchen. Als er endlich zurückkehrt, hat der jüngere Bruder im Heimatdorf sein Leben gelebt. "Deine Weisheiten sind uns seit langem Richtschnur im Leben", so der Kommentar des Enkels, dem recht gegeben wird.

Die Äthiopierin Genet Yemane Woldemariam wiederum erklärt zu ihrer Fabel vom Adler und der Schildkröte: "Diese Geschichte habe ich ausgewählt, weil meine Mama sie mir als Kind erzählte, damit ich lernen sollte zuzuhören." Denn die Schildkröte missachtet den Rat des Adlers und verletzt sich schwer. "Auch Erwachsene sollen zuhören, wenn die Älteren, die mehr Lebenserfahrung haben, einem etwas sagen." So will dieses Märchenbuch den Frauen, die aus aller Welt nach Nürnberg gekommen sind, ihren Erinnerungen eine Stimme geben. Das ist facettenreich gelungen.

                       Susanne Borée

Das Buch kostet zehn Euro. Bestellmöglichkeit unter Telefon 0911/214-1108, Fax 0911/214-1208 oder E-Mail: dekanatsfrauenbeauftragte(at)eckstein-evangelisch.de.

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