Wie will ich sterben?

Christine Krieg
Rechtsanwältin Christine Krieg. Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand (128): So viel Papierkram zur Vorsorge - warum das sein muss

Man könnte ja mal ...  . So habe ich immer wieder gedacht. Inzwischen feiere ich da ein kleines Jubiläum: Seit gut einem halben Jahrzehnt liegt eine Mappe mit dem sperrigen Titel "Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung - einfach, sicher, verbindlich" bei mir herum. Gut, dass ab und an mal das Leben aufgeräumt wird.

"Man könnte sie ja mal ausfüllen", so dachte ich erneut. Mal wieder einer der guten Vorsätze, die sich partout nicht von selbst erledigen. Zwar ist keine unheilbare Krankheit in Sicht. Und ich fühle mich noch nicht wirklich alt oder schwach - aber dennoch. Schließlich trage ich Verantwortung. Und weiß jemand außer mir meine hingeschmierten Internet-Passwörter zu deuten? Eigentlich - diese ganzen Verfügungen scheinen doch nicht so viel Papierkram zu sein wie befürchtet. Jedenfalls weniger als für die Steuererklärung. Also los!

Doch treiben mich schnell grundsätzliche Fragen um: Wie sehe ich mein Leben - als Geschenk Gottes? Daher Dialyse oder Magensonde eingeschaltet lassen bis zum letzten Augenblick? Ja, weiß ich denn, wie ich mich in einer solchen Situation fühlen werde? Das einzige Mal, als es mir bislang so richtig schlecht ging, war ich froh, dass Ärzte für mich entschieden haben. - Und dies ganz entgegen meiner vorher geäußerten Willensbekundung, die sich "möglichst" dagegen ausgesprochen hatte. Andererseits besteht  die Gefahr, dass es weniger aufwendig ist eine Magensonde zu legen als den Demenzkranken zu füttern. Oder dass ein Krankenhaus noch seine Fallzahlen voll bekommen muss.

Schmerzmittel - ja. Aber was, wenn ihr Einsatz "bewusstseinsschwächend" ist? Will ich nicht mein Sterben so durchleben, wie es geschieht? Schließlich hat man das ja nur einmal im Leben. Im Verwandtenkreis habe ich erlebt, dass der übermäßige Einsatz von Cortison zu einem Darmdurchbruch - und damit zum Tode - führte. Nun, das ist schon länger her. Trotzdem bleibt die grundsätzliche Frage: Ist dies besser als unerträgliche Schmerzen?

Da meine alte Mappe ja ebenfalls in die Jahre gekommen ist, schaue ich vorher noch mal ins Internet. Schließlich war da doch mal was - hat nicht der Bundesgerichtshof kürzlich neue Anforderungen zur Patientenverfügung formuliert? Also fast schon gut, dass ich es - neben all dem Risiko - so lange vor mich hergeschoben habe, mich um meine letzten Dinge zu kümmern?

Was genau hat sich geändert? Da habe ich mir Beratung geholt. Christine Krieg ist Fachanwältin für Medizinrecht bei "Meyerhuber Rechtsanwälte Partnerschaft mbb". Sie hält etwa Fortbildungen für den Basiskurs der Altenheimseelsorge beim Amt für Gemeindienst oder auch im evangelischen Bildungszentrum Pappenheim über rechtswirksame Verfügungen. Die Situationen, in denen sie gelten sollen, müssen genauer ausformuliert sein. "Wenn es mir schlecht geht" - das geht nicht, erklärt sie. Ebenso wenig: "Wenn mein Leben unwert ist, dann möchte ich sterben." Es gilt: Nachschauen bei älteren Patientenverfügungen.

Wie treffe ich Vorsorge?

Christine Krieg schaut in meine alte Mappe "auf aktuellen Stand des neuen Patientenverfügungsgesetzes von 2009": Die sei nicht gänzlich überholt: Die vier Fälle "unmittelbarer Sterbeprozess", "Endstadium einer unheilbaren, tödlich verlaufenden Krankheit", massive Gehirnschädigung durch Unfall oder Schlaganfall sowie die fortgeschrittene Demenz sind schon berücksichtigt.

Trotzdem suche ich eine neue Fassung. Das Bayerische Staatsministerium der Justiz ist Herausgeber der Broschüre "Vorsorge für Unfall, Krankheit und Alter", auf der die Formulare auf der Seite www.patientenverfügung.beck.de basieren.  Sollten sie nicht ausreichend sein oder haben sich meine Einstellungen geändert, kann ich sie problemlos ersetzen. Das alte Formular aber dann bitte vernichten. Und nicht vergessen: Alle alten Exemplare, die ich bereits verteilt habe, einzuziehen, zu ersetzen und ebenfalls zu vernichten, ergänzt Christine Krieg. Denn es sollte keine verschiedene Einschätzungen geben in einer Situation, in der ich meinen Willen nicht mehr klar ausdrücken kann. Wichtig ist es, sich mit dem Hausarzt zu besprechen: Wie wirken sich die einzelnen Willensbekundungen im Ernstfall aus? Auch Beratungen und Info-Abende der Diakonie oder der Hospize helfen.

Muss ich nicht bis dahin alle möglichen medizinischen Fortschritte in diesem Bereich und juristischen Konkretisierungen im Auge behalten? Die Anwältin hält die aktuelle Ausformulierung erst einmal für hinreichend. Und: "Medizinischer Fortschritt hört dann auf sich einzumischen, wenn ich ausdrücklich sage, dass ich darauf verzichte", so Christine Krieg.

Und die Sterbebegleitung? Wird sie in Zukunft überhaupt noch gewährleistet sein? Doch wenn ich meine Organe spenden will, ist eher das Sterben auf der Intensivstation angesagt als im Hospiz, erklärt Krieg. Daher kann ich mich in der Verfügung entscheiden, ob die Bereitschaft zu Organspende oder das Bedürfnis nach einer behüteten Umgebung vorgeht. Egoistisch sein? Andererseits kann die Medizin meine Organe wohl sowieso kaum noch gebrauchen, wenn ich alt und ein Pflegefall bin.

Widerspricht es nicht der eigenen Patientenverfügung, wenn ich in einer Vollmacht oder einer Betreuungsverfügung jemanden bestimme, der dann im Bedarfsfall meinen Willen vertreten soll? Nein, denn auch der Bevollmächtigte muss meinen Willen vertreten.   

In der Vorsorgemappe finden sich sowohl eine Vollmacht als auch eine Betreuungsverfügung. Was ist besser? "Das lässt sich nicht allgemein beantworten", so heißt es im Erläuterungsteil  der Vorsorgebroschüre. "Ist eine Person, der Sie vollständig vertrauen können, bereit, sich im Bedarfsfall um ihre Angelegenheiten zu kümmern, ist eine Vollmacht vorzuziehen." Damit "lässt sich in der Regel das mit der Betreuerbestellung verbundene gerichtliche Verfahren vermeiden". Mit ihm oder ihr sollte jedoch frühzeitig gesprochen sein, um den Ernstfall gut zu interpretieren. Schließlich hat er oder sie ja eine ungeheure Verantwortung zu tragen.

In dem Buch "Das letzte Hemd hat viele Farben" beschreibt Sabine Bode, wie es eine Ehefrau besonders quälte, dass sie vor dem Tod ihres Mannes nicht wie versprochen für ihn da sein konnte. Die Ärzte ließen sie nicht. So kann auch eine Patientenverfügung den Abschied erleichtern. Bode zeigt deutlich, wie wichtig individuelle Trauer ist in einer Zeit, in der alte Traditionen abbröckeln. Auch ein geregelter Abschied erleichtert viel. 

- Kostenlose Formulare im Internet unter www.ethikzentrum.de/downloads/bayernbroschuere.pdf

- Gedanken der Ev.-Luth. Landeskirche in Bayern unter https://bestattung.bayern-evangelisch.de/downloads/ELKB-Meine-Zeit-steht-in-Gottes-Haenden-2014.pdfhttps://bayern-evangelisch.de/downloads/ELKB-Meine-Zeit-steht-in-Gottes-Haenden-2014.pdf.

- Kontakt zu Christine Krieg bei der Kanzlei Meyerhuber Rechtsanwälte Partnerschaft mbb, Tel. 09831/6766-13 oder E-Mail krieg(at)meyerhuber.de.  

- Sabine Bode, David Roth: Das letzte Hemd hat viele Farben, Lübbe 2018, 224 Seiten, ISBN 978-3431-04090-6, 18 Euro; E-Book 13,99 Euro.

                      Susanne Borée