Schafe und ihre Hirten

Brücke
Foto: Bek-Baier

Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, und achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt, nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund, nicht als solche, die über die Gemeinden herrschen, sondern als Vorbilder der Herde. 

                      (aus 1. Petrus 5, 1-4)

Osterurlaub auf der Insel Texel: Eine Schäfchenidylle zwischen Dünen und Deich. Die berühmten Texel-Schafe sind die eigentlichen Inselbewohner. Und sie sind die Einzelgänger unter den Schafen. Kurzbeinig und stämmig, kugelrund und wollig verteilen sie sich dösend und kauend über fette grüne Wiesen. Sie haben überall was sie brauchen. Und so gibt es auf Texel keine Schäfer und keine Hirten, die mit ihren Herden unterwegs sind.

Wenn die Bibel mahnt: "Weidet die Herde Gottes", dann legt sie ein anderes Bild zugrunde als jene westfriesische Urlaubsidylle: Die Gemeinde als bedrohte Gemeinschaft, als Herde, als wanderndes Gottesvolk, lebens- und überlebensfähig nur unter der Fürsorge und Liebe eines verlässlichen Hirten: "Der Herr ist mein Hirte. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist bei mir."

Aber trifft das noch das Selbstverständnis von Christen und Gemeinden heute? Die biblischen Bilder von Hirte und Herde stoßen längst auf Widerspruch. "Die Zeit der Schäfchen ist vorbei!", tönt es selbstbewusst aus den Gemeinden. "Die Hirten sind müde", belegen Umfragen. Und da macht es kaum einen Unterschied, ob die im 1. Petrusbrief angesprochenen "Ältesten", die sogenannten Presbyter, als Vorläufer heutiger Pfarrer und Priester oder von Gemeinde- und Kirchenvorstehern im heutigen Sinn verstanden werden.

Viele von ihnen sind gleichermaßen müde geworden. Pfarrerinnen und Pfarrer fragen nach ihren Kernaufgaben als Pastoren und Pastorinnen. Sie fragen, was ihren Hirtendienst ausmacht, wer ihn heute noch braucht und wertschätzt. Kirchenvorstände suchen in diesen Wochen vielerorts händeringend nach neuen Kandidatinnen und Kandidaten für die KV-Wahlen im Oktober. Längst ist es mühsam geworden, Menschen für Leitungsaufgaben in der Gemeinde zu gewinnen.
Die Ansprüche an den idealen Hirten, die perfekte Hirtin sind hoch und schrecken ab: freiwillig und um der Sache des Glaubens willen sollte jemand die Herde Gottes weiden, nicht auf eigenen Vorteil oder Prestigegewinn schielen, nicht herrschen wollen, sondern Vorbild sein. Das klingt anstrengend, herausfordernd, nicht nach Urlaubsidylle, sondern nach täglichem Ernstfall des Glaubens.

Wer uns Christen damals die Zeilen des 1. Petrusbriefs ins Stammbuch geschrieben hat, er ist selbst ein Gemeindeleiter, ein Mitältester, der weiß, wovon er spricht. Der weiß, dass Glaubensverantwortung mehr ist als idyllisches Schäfchenzählen. Und darin finde ich ihn hochaktuell: Weidet die Herde Gottes - begleitet die Auf- und Umbrüche euren Gemeinden. Nur Stillstand braucht keine Hirten! Weidet die Herde Gottes - seid aufmerksam und fürsorglich und persönlich, schaut auf jeden Einzelnen, geht ihr nach, ladet ihn ein, hört hin, was er braucht, was sie denkt. Spürt die Sehnsucht! Weidet die Herde Gottes - seid solidarisch und leidenschaftlich, ohne Angst, aber mutig in der Hoffnung. Weidet die Herde Gottes - und lasst euch nicht entmutigen, weder von den Ansprüchen der anderen noch von euren eigenen!

Christliche Gemeinde braucht gute Hirten. Denn sie befindet sich weder damals noch heute auf einer Insel der Seligen. Sie bewegt sich mitten in der Welt, unterwegs zwischen Kreuz und Herrlichkeit. Wie tröstlich, dass auch die Hirten nicht auf sich allein gestellt sind, es nicht allein an ihnen hängt. Der eine gute Hirte, Jesus Christus, ist längst mit auf dem Weg.         

              Dekanin Berthild Sachs, Gräfenberg