Die Hoffnung gedeiht

Brücke
Foto: Bek-Baier

Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

                      (2. Korinther 4, 16-18)

Mit den ersten Frühlingssonnenstrahlen kommt das Erwachen. Leben kehrt ein - auf dem alten Friedhof ringsum der kleinen Dorfkirche. Nach den langen Wintermonaten ist es Zeit, die Gräber zu richten. Hornveilchen, Stiefmütterchen, Vergissmeinnicht werden gebracht, frische Erde wird mit dem Schubkarren herangefahren. Das alte Friedhofstor steht kaum still. Es herrscht reges Kommen und Gehen. Man sieht sich, grüßt sich, nimmt sich ein paar Minuten für ein Schwätzchen auf dem Weg oder für ein einfühlsames Gespräch am frischen Grab. Tag für Tag wird so auf dem alten Friedhof gegraben und gehackt, wird neu gepflanzt und arrangiert, oft mit Liebe zum Detail und in wehmütiger Erinnerung.Darum werden wir nicht müde - viele Angehörige werden nicht müde, die Gräber ihrer Lieben zu umsorgen und zu pflegen. Diese Arbeit ist das Letzte, was ihnen geblieben ist. Alles andere ist vergangen: das gemeinsame Leben, Lachen und Lieben, das gemeinsame Streiten, Weinen und Versöhnen, die Zärtlichkeit und Nähe.

Nichts davon war und ist für die Ewigkeit bestimmt, sondern wird uns nur für eine begrenzte Zeit geschenkt. So sieht es aus mit der Wirklichkeit unserer Vergänglichkeit. Wie sagt die Kabarettistin Lisa Eckhart: "Der Sinn unseres Lebens ist nicht, nicht zu sterben." Das ist Fakt. Das ist das offensichtlich Sichtbare. Damit sind wir am Boden der Tatsachen angekommen.

Trübsinnig könnte man werden, wenn man länger darüber nachdenkt. Wozu dann all die Mühe? Wozu das ewige Ringen um ein bisschen Lebensglück, das nie von Dauer ist und sich so schnell verflüchtigt? Trübsinnig möchte man die Hände in den Schoß sinken lassen, weil auf dem Boden dieser Tatsachen doch nichts anderes wachsen und gedeihen kann als Kummer und Wehmut. Oder etwa doch?

Denn unsre Trübsal schafft Herrlichkeit - Paulus erlebt, dass in ihm etwas arbeitet, dass etwas in ihm "schafft". Diese Schaffenskraft hält ihn aufrecht, auch in Zeiten, in denen er sich belastet und niedergeschlagen fühlt. Diese Kraft sorgt dafür, dass er nicht mutlos wird und aufgibt, wenn alles umsonst scheint. Es sind die Worte von der Auferstehung Jesu, die im Apostel arbeiten. Sie ergreifen ihn, damit er begreifen lernt: der Tod ist nicht das Letzte, was mir im Leben blüht.

Ein paar Zeilen vorher schreibt Paulus: Denn wir wissen, dass der, der den Herrn Jesus auferweckt hat, auch uns auferwecken wird mit ihm.

Am Sonntag Jubilate werden wir daran erinnert, dass wir nicht Trübsal blasen müssen, sondern Grund zum Jubeln haben. Die Botschaft der Auferstehung bearbeitet für uns den Boden der harten Tatsachen, damit sich doch noch etwas darauf entwickeln kann: damit der Glaube wächst, dass das Offensichtliche im Leben nicht alles ist und dass auch die Wirklichkeit der Vergänglichkeit begrenzt ist. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich. Damit die Hoffnung gedeiht, dass es noch etwas Herrliches für uns geben wird, auch wenn wir es jetzt noch nicht sehen können: ewiges Leben. Was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

Auf dem alten Friedhof ringsum der kleinen Dorfkirche ist es dann auch irgendwann geschafft: alle Gräber sind frisch bepflanzt. Die Mühe hat sich gelohnt: unzählige kleine bunte Blütenköpfe leuchten fröhlich in der Frühlingssonne. Sie erinnern mich daran, dass dank Ostern auch in meinem Herzen getroste Fröhlichkeit aufblühen kann.         

              Dekanin Claudia Schieder, Memmingen

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