Kommentar: Zurück in die Zukunft

Susanne Borée
Susanne Borée

Ja, haben wir sie noch: eine Zukunft? Oder verspielen wir sie gerade? Überall stehen wir vor entscheidenden Weichenstellungen - und fahren einfach geradeaus weiter: Ob es um neue  Verkehrskonzepte geht, um den endlichen ­Umgang mit unseren Ressourcen, oder um ein verantwortliches Leben - alles soll so weitergehen wie bisher.

Uff, und das sind jetzt ebenfalls so hohe, abstrakte Worte. Wir machen einfach so weiter wie bisher. So, als stünde vor uns keine unsichtbare, aber spürbare Wand, gegen die wir ungebremst brettern. Dieses Gefühl jedenfalls verfestigt sich bei mir mehr und mehr. Es geht einfach nicht so weiter wie bisher. Aber es gibt offenbar keine Konzepte, wie wir umsteuern können. Noch nicht einmal tiefgehende Diskussionen darüber.

Keine Sorge, auch ich habe keine schlüssigen Ideen. Nur hier und da erlege ich mir kleine Einschränkungen auf. So habe ich vor einem guten Jahr mein Auto abgeschafft. Kein großes Opfer - schließlich bin ich deswegen genauso mobil wie vorher. Ich versuche hier und da verantwortlich zu leben - und merke gerade daran schmerz­- lich, wie sehr es Stückwerk ist. Jedes konsequente Umsteuern bedeutet aber, dass unser Leben ungewisser wird. Und dass wir unsere schläfrige ­Sättigung überwinden müssen.

Ich denke, viele Menschen spüren diese Ungewissheiten mehr oder weniger bewusst. Ein guter Teil von ihnen flüchtet davor in enge, aber möglichst heile Welten. Am besten soll sich gar nichts mehr ändern! Die Hoffnung auf neue Entwicklungen ist abgesagt. Möglichst viel soll sich in Zukunft wieder zurückdrehen! Andere suchen Zuflucht in hohlen Worten. Oder in Resignation.

Es sind nicht die Flüchtlinge, die unseren Lebensstandard bedrohen. Nein, es ist ganz buchstäblich das Gespür dafür: Wenn wir die Probleme dieser Welt möglichst weit wegschieben - dann kommen sie halt zu uns.

Von einer Aufbruchsstimmung bei uns spüre ich nichts - und das trotz besten Frühlingswetters, jetzt drei Wochen nach Ostern. "Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert." So beginnt die Bibellese zu diesem Sonntag Jubilate mit dem 2. Korinther 4,16. Also, von Jubel kann ich da keine Spur entdecken. Eher von Durchhalteparolen. Unsere Bedrängnis sei nur zeitlich, so geht es weiter.
Also Weltflucht, Innerlichkeit anstatt zermürbende Diskussionen, um Konzepte für eine Zukunft zu entwickeln?

Halt! Gab es nicht mal so etwas? Und das gerade genau vor 50 Jahren? Das Jubiläum der 1968er ist ja nun in aller Munde. Jenseits aller Nostalgie gerade bei älteren Menschen, die diese Zeit noch erlebt haben, stört mich an dieser Zeit das Überheblichkeits-Gehabe gegenüber Andersdenkenden. Und strukturell aggressive Sprachformen, die allen anderen Konzepten und Ideen die Intelligenz oder die Verantwortlichkeit mehr oder weniger absprachen. Sie hatten damals zumindest noch Ideen, aber sie veränderten die Strukturen nicht. Nein, es entstanden schnell neue Hierarchien, in denen diejenigen Macht ausüben wollten, die am klügsten und geschicktesten reden konnten. Kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen im Lauf der Jahre an diesem Gehabe störten und es zunehmend geschickter unterliefen.

So geht es auch nicht. Jetzt empfinde ich abschreckende Beispiele für gewalttätige und verachtungsvolle Sprache genau auf der anderen Seite. Was tun? Einfach nicht müde werden - und tagtäglich zumindest im persönlichen Umgang zu einem verantwortlichen und authentischen Verhalten finden? Kreative Ideen sind gefragt.Reicht das? Die Hoffnung auf immerwährende Erneuerung gehört genauso dazu. Sie sollte meiner Ansicht nach jedoch nicht dazu führen, sich von der Welt abzukehren, sondern sich ihr durch alle Resignation hindurch zuzuwenden. Wir können auf die Erneuerung durch Gott hoffen. Nicht mehr - aber auch nicht weniger.

Susanne Borée