Was ich an meinem Leben liebe ...

Frisches Grün
Baum direkt neben dem Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad in der Morgensonne. Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand (134): Zu Rogate - Verbundenheit mit dem Lebensgrund

Dankbarkeit - ist dieses Gefühl nicht längst vergessen? Ärger über die Unzulänglichkeiten dieser Welt, über die Fehler der Menschen um mich herum, über meine eigene Begrenztheit ist oft viel stärker. Es überdeckt positive Gefühle.

Meiner Umgebung, aber auch mir selbst soll ich mit Wertschätzung begegnen. So lehrt die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg. Ein mehrteiliges Seminar in dem Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad mit Gottfried Orth führte in deren Grundlagen ein (wir berichteten). Es erfuhr nun bei herrlichem Frühlingswetter seine Abrundung durch einen dritten Teil. Während das erste Grün fast fühlbar vor den Augen der Teilnehmenden spross, ging es schwerpunktmäßig um die Verbindung der Menschen mit sich selbst.

Im Prinzip ist der Gedanke nicht neu: Wenn ich den Nächsten lieben soll wie mich selbst, dann muss ich mich erst einmal selbst wertschätzen. Sonst hat die Nächstenliebe und erst recht die Feindesliebe keine Chance. Also: Welche Eigenschaften schätze ich an mir selbst? Und weiter: Wofür bin ich dankbar?
Permanent bewerten wir uns selbst. Das hilft uns dabei, unser Tun und unser Auftreten an die unterschiedlichsten Situationen und Partner anzugleichen. So bringt es uns weiter. Eine zu kritische Haltung gegen uns selbst hemmt aber inneres Wachstum. Jeder Mensch will sich notwendige Bedürfnisse erfüllen.

Nur die Strategien dazu sind manchmal äußerst unzureichend. "Selbstverurteilung ist wie jede Verurteilung ein tragischer Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse", so Rosenberg. Diese Handlungsstrategie lähmt uns eher als dass sie uns zu Veränderungen motivieren kann.

Oft erfüllen wir "Pflichten", um den Erwartungen anderer gerecht zu werden, "weil man es so tut" oder weil wir anderen keine Enttäuschung zufügen wollen. Diese Motivation "führt zu potentiell gefährlichen Verhaltensweisen", so Rosenberg. Auch gerade eine Haltung, durch die wir uns mit anderen vergleichen, mit ihrer besseren Ausstrahlung oder gar mit ihren viel beachtenswerteren materiellen Gütern, ist besonders selbstzerstörend.

Wenn wir unser Leben nach dem Wunsch durch äußere Belohnung durch ein möglichst großes Gehalt ausrichten oder auf die Bestätigung durch andere - dann verlieren wir schnell den inneren Kontakt mit uns selbst. Eine Wahl für eine bestimmte Lebensweise schließt natürlich viele andere Möglichkeiten aus:
Wenn ich mich zum Beispiel für einen Beruf entscheide, der mir innere Befriedigung verschafft, dann entscheide ich mich gegen einen anderen Lebensweg, der mir größere Sicherheit und größeren Wohlstand bringen kann.

Aber das ist dann so: Äußerst selten kann ich alles haben. Kaufe ich mir ein Haus für mehr Sicherheit, dann wird mein Leben unbeweglicher. Es kostet nicht nur viel Geld, sondern ich muss ebenso viel Zeit und Kraft in diesen Besitz investieren. Und wenn ich nicht gerade Krösus bin oder gern mal über meine Verhältnisse lebe, dann kann ich mir nicht gleichzeitig luxuriöse Urlaube oder teure Hobbies leisten.

Es geht darum, bewusst wahrzunehmen, was ich habe und was mir gut tut. Und nicht, was mir fehlt. Es geht darum, Verbindung mit den inneren Kraftquellen aufzunehmen und damit mit dem tieferen Grund unseres Selbst, mit göttlicher Energie. Unsere bereichernden Momente im Leben gilt es in Energie umzuwandeln. Ist diese Art, Verbindung mit seinen Kraftquellen aufzunehmen, nicht eine Art inneren Gebets?

Dazu muss nicht alles in meinem Leben positiv gewesen sein. Auch Trauer über das, was nicht gut gelaufen ist, über eigene Fehlentscheidungen und die Begrenztheit meines Verhaltens kann ich bei Gott aufheben. Auch Trauer, Ärger oder diffuse Genervtheit gehört zum Leben.

Doch ist dies nicht der letzte Schritt, sondern fordert uns zum Innehalten auf: Welche Bedürfnisse habe ich mir selbst nicht erfüllt? Mit welchen Schritten - Rosenberg sagt "Strategien" - kann ich ihnen näher kommen? Wozu kann ich mich selbst bitten, um sie zu erfüllen?

Diese Bitten sollten nach Rosenberg konkret und sofort umsetzbar sein, sie sollten eine Handlung in Gang setzen und nicht verbieten.

Und sie sollten keine "getarnten Forderungen" sein. Denn vielleicht kann ich auch selbst eine Bitte an mich nicht erfüllen. Es liegt nahe, sich selbst zu quälen mit einer Haltung wie "Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach". Doch vielleicht kann einfach ein Teil meines Selbst (noch) nicht meine theoretischen Erkenntnisse umsetzen. Wenn ich dann zu mir selbst unbarmherzig bin, verbaue ich mir den Blick auf mögliche tiefere Gründe, für die eine Verweigerung Sinn macht. Dann sollte ich mir keine Selbst-Vorwürfe machen, sondern einen anderen Weg wählen, um mir größere Lebensqualität zu sichern.

Eine produktive Haltung der Dankbarkeit zählt nicht nur das auf, was für mich erfüllend ist. Nein, sie lässt Dankbarkeit in mir selbst Raum gewinnen. Darüber denkt etwa Cornelia Timm in ihrem Aufsatz über "Dankbarkeit" nach. Es erschien in dem Buch "Gewaltfreie Kommunikation in Kirchen und Gemeinden", das Gottfried Orth ebenfalls herausgab . Oft bin ich anderen Menschen gegenüber nicht genug dankbar. Und ich selbst bekomme auch weniger Dankbarkeit als mir gut tut.

Vielfach gibt es nur die höflichen Floskeln eines "Danke", die mir aber nicht zeigen, wie ich wahrgenommen und wertgeschätzt bin. Allerdings kostet es auch Zeit und Kraft, sich gegenseitig passgenau Wertschätzung auszudrücken und nicht in bloße Floskeln oder gar äußerliches Lob zurückzufallen.

Und Menschen fällt es sehr viel leichter, etwas Negatives zu sehen als etwas Positives. Das war vielleicht mal ein Evolutionsvorteil, da dies zu einem vorsichtigeren Handeln führte. Uns heute jedenfalls fehlt weniger ein vorsichtiges Abtasten eines schwankenden Untergrundes als vielmehr ein Gefühl für die Fülle des Lebens in mir und um mich herum. Das, was misslingt, anstrengt oder die Seele verdunkelt, bleibt bestehen. Aber es sollte sich weniger in mir breitmachen. "Wofür wünsche ich mir, dass Gott mir 'Danke' sagt?" Auch diese Frage Dorothee Sölles stand bei der Tagung im Raum.

Vor dem dunklen Hintergrund des Waldes im Fichtelgebirge breitet ein junger Laubbaum seine Zweige aus. Seine Blätter knospen und werden in wenigen Tagen sprießen. Dieses Bild aus dem Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad in der Morgensonne (oben) bleibt im Gedächtnis. Neben ihm führen Treppenstufen nach oben, ein Geländer bietet Unterstützung. Bleibt dies von den Tagungen über die Gewaltfreie Kommunikation im Gedächtnis bestehen? Ich hoffe, dass diese Verbindung zum Seins-Grund bleibt.  

                      Susanne Borée

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