Macht Religion gewalttätig?

Samson

Lebenslinien in Gottes Hand (135): Wie viel Altes Testament brauche ich für mein Leben?

Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Religion und Gewalt stellt der "Evangelische Initiativkreis Bildung und Erziehung, Bayern (E.I.B.E.)". Jährlich gibt er eine Broschüre heraus, in denen der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen und bildungspädagogischen Fragen thematisiert wird. Bereits 2016 entstanden diese Gedanken - und sind doch aktueller denn je.

Schüren gerade die Religionen, die nur an einen Gott glauben, Gewalt? Die erste Religion mit einem solchen von Gott abgeleiteten Anspruch ist das Judentum: Der Herr hatte seinem Volk ihr Land gegeben. Gerade jetzt zu den Jubiläumsfeiern zum 70-jährigen Bestehen des Staates Israel stellt sich diese Frage: Provokant zugespitzt: Hat das Alte Testament die Juden heute militarisiert, so dass sie ihren Staat ohne Rücksicht auf Verluste und besonders ohne Rücksicht auf ihre Nachbarn, die Palästinenser durchsetzen wollen?

Freunde von mir argumentierten kürzlich ähnlich, indem sie das Alte Testament für sich deutlich ablehnten, da dort so viel Gewalt verherrlicht und gerade als Gottes Wille dargestellt werde. Sicher, diese Texte gibt es dort. Das Miriam-Lied, wohl eine der ältesten Hymnen, verherrlicht den Untergang der Ägypter im Schilfmeer, nachdem der Herr die Israeliten dort wundersam hat durchziehen lassen.

Das erinnert mich auch an die Diskussion, die der Berliner Theologe Notger Slenczka 2014 noch einmal neu entfacht hat: Brauchen Christen das Alte Testament? Brauche ich es für meine Lebensführung? Oder habe ich mich damit mit Worten Slenczkas in ein fremdes Wohnzimmer des Judentums einquartiert und es nach christlichen Vorstellungen renoviert?

Sicher beherbergt das Alte Testament auch viel weisheitliche Literatur, finde ich, und hat viel zu verantwortlicher Lebenspraxis zu sagen - nicht nur, aber auch in den Geschwistergeschichten, in denen Chancen und Teufelskreise enger Beziehungen durchbuchstabiert werden.

Was ist aber nun mit den Gewalt-Texten? Da kehre ich zurück zur E.I.B.E-Broschüre. Helmut Anselm, ihr Autor und gleichzeitig als Pfarrer und Studiendirektor im Ruhestand, ihr stellvertretender Vorsitzender, ging dieser Frage nach: Der "Evangelische Initiativkreis Bildung + Erziehung, Bayern (E.I.B.E)", ist ein offener und unabhängiger Kreis von evangelischen Eltern, Jugendar­beitern, Pädagogen oder Theologen. Er informiert sich über aktuelle religiöse und weltanschauliche Themen, über Bildungs- und Erziehungsfragen sowie über schulische Entwicklungen und nimmt bei Bedarf Stellung, so erklärt mir die Homepage des Kreises.

Helmut Anselm bezieht sich etwa auf die "Kriegspredigten", 5. Buch Mose 7,16-26, in denen alle Gottlosen von Israel vertilgt werden sollen. Oder auf Psalm 139, in dem die Gottlosen getötet werden sollen.

Allerdings weist Anselm darauf hin, dass es nirgendwo um einen Tatsachenbericht eines realen Krieges geht. Die Texte wurden Jahrhunderte später geschrieben oder umgearbeitet. Archäologische Funde zeigen, dass die religiöse Grundversorgung Judas durch Baal- und andere Götter mehr als gesichert waren. Eine Alleinverehrung Jahwes in Jerusalem seit David und Salomo war wohl alles andere als selbstverständlich.

Da will ich näher hinsehen: In den Kapiteln 22 und 23 des 2. Königsbuches berichtet das Alte Testament, dass der König Josia (639-609) von Juda im Jahre 622 eine Kultreform durchführte. Bei Renovierungen an dem Jerusalemer Tempel wurde ein verschollenes Gesetzbuch entdeckt, wohl ein Teil des späteren Deuteronomium, so die Seite www.bibelwissenschaft.de, die von der Deutschen Bibelgesellschaft betrieben wird.

Nach den entsprechenden Anweisungen soll Josias den Tempel von allen Zeichen eines Fremdkultes gereinigt haben. Zudem schaffte er auch weitere Kulte oder magische Praktiken ab. Dies geschah in einer Zeit äußerster Bedrohung. Es gelang noch kurz, durch eine gewagte Bündnispolitik und Glück, den Untergang Judas zu verzögern, bevor Nebukadnezar 597 Jerusalem eroberte und das Volk ins Exil zwang. Zum ausformulierten Monotheismus ist es erst in der Exilzeit gekommen: als da Volk Israel in der Fremde verstreut war und um seine Identität rang.

Sind diese Worte von einem gewalttätigen Gott, der alle seine Feinde und die Feinde Israels vernichtet, Gewaltprojektionen eines ohnmächtigen Volkes? Nicht nur. Der Anspruch Jahwes auf Alleinverehrung zieht sich auch durch ältere Textschichten durch. Er will Leben verändern. Er setzt Menschen, die ihm nachfolgen von Abrahams Zeiten an, auf einen Weg hin zu neuen Ländern und neuen Ufern.

Jahwe ist immer der befreiende Gott, der die Schwachen stärkt und aus der Unterdrückung herausführt. Baal ist der Gott der Mächtigen. Immer wieder gerät Jahwe in Gefahr, zum Gott der etablierten Verhältnisse, zu einem Idol eines erstarrten Kultes zu verkommen. Dagegen wehrt er sich mit Hilfe der Propheten. So erinnere ich mich an Überlegungen des ursprünglich niederländischen Theologen Ton Veerkamp (*1933) über den tieferen Sinn dieser Geschichten. Er war bis 1998 Studentenpfarrer für ausländische Studierende an Berliner Hochschulen.

Christen glauben, dass auch Jesus sich auf den Weg aus erstarrten Verhältnissen machte. Anstelle des Gottesreiches kam dann eine Kirche mit vollendetem Herrschaftsanspruch. Sie besetzte die jüdischen Vorstellungen von Nachfolge.
So weit ein Schnelldurchgang durch die Historie. Bleibt noch der Psalm 139. In ihm geht es um eine persönliche Beziehung des Beters zu Gott: Er hat viele tröstende Verse, etwa: "Von allen Seiten umgibst du mich, und hältst deine Hand über mir" (Vers 5) oder "Nähme ich Flügel der Morgenröte, ..." (Verse 9/10). Demnach ist Gott es, der einen Menschen im Mutterleib gebildet hat. Gott erscheint als der Allwissende und Allgegenwärtige. Aber nicht als furchterregendes Soziales Netzwerk. Nein, sondern als derjenige, der jeden Einzelnen als wunderbar bejaht. Doch mittendrin die Bitte, dass Gott die Frevler vernichten soll, die genauso den Beter bedrohen (Vers 19). Also doch eine Projektion ohnmächtigen Erleidens von Gewalt, die Gott strafen soll?

Lange meditiere ich über die Verse. Dann entdecke ich: Nein, in den folgenden Versen geschieht das Umgekehrte: der Beter stellt sich an die Seite Gottes, der Unrecht erleidet. Und er bittet Gott um vollständige Prüfung des eigenen Selbst: Ist er wirklich nicht auf falschen Pfaden, sondern "auf ewigem Wege" geleitet? Welche Art von Bewegung zu ihm hin will Gott? Nicht in hochstilisierten Gedankengebäuden, sondern als "Da-Sein für andere", wie es Dietrich Bonhoeffer formuliert - so viel schwerer dies auch fällt. Ich entdeckte: Da erdet das Alte Testament zu steile Himmelsflüge.    

Internet:www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/themenkapitel-at/ und http://www.eibe-initiativkreis-bayern.de/

Fortsetzung zu anderen Religionen folgt 

                      Susanne Borée