Geheimnis schützen

Brücke
Foto: Bek-Baier

Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist. Der natürliche Mensch kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemand beurteilt.

                      (aus 1. Kor. 2, 12-16)

Ich bin mir nicht sicher, ob Paulus Recht hat. Es sind Behauptungen: Dass es da einen Bereich in uns Menschen gibt, in den niemand hineinschauen und den auch niemand beurteilen kann.  Das gilt nach Paulus für mich selbst: Nur der Geist, der in mir ist, weiß, was in mir ist. Also niemand sonst, weder Menschen, die mich lieben noch Computernetze noch Neurobiologen, weder Psychologen noch Soziologen. Auch der Geheimdienst kann die Tür nicht öffnen. Whistleblower sind chancenlos. Schön wäre es, weil es große Freiheit gibt. Niemand kann mich beurteilen.

Alltag und Berufsleben sind von ständigen Beurteilungen geprägt. Ich sehe jemanden und schätze ihn ein. Jemand erlebt mich und macht sich seine Gedanken. Wohlwollend, kritisch, bestätigend - wie auch immer. Aber in allem liegt ein Urteil, das in die nächste Begegnung, wenn sie denn stattfindet, einfließt oder in Gespräche mit Dritten.  Im Berufsleben gehören bei vielen Beurteilungen zur wiederkehrenden Routine. Die einen erleben sie  als stressige Herausforderung, die schlaflose Nächte verursacht. Die anderen finden sie eher lästig, weil Vorbereitung und Durchführung mit Aufwand verbunden sind. Bei manchen hängt auch das Gehalt davon ab.

Am härtesten sind wir oft mit uns selbst. Der kritische Blick in den Spiegel am Morgen ist nur Symptom einer Grundhaltung. Die Frage, ob ich meinen eigenen Ansprüchen genüge, ist ein dauernder Antreiber. Wir beurteilen uns selbst, manchmal gnädig, oft aber wohl streng.

Für Paulus aber ist das alles nur menschliche Weisheit. Sie erkennt den geistlichen Menschen gar nicht. Aber auf den geistlichen Menschen kommt es an. Nur der Geist erkennt, was uns von Gott geschenkt wird. In uns ist auf diese Weise eine Art heiliger Kern, unberührbar und unzerstörbar.  Selbsturteile, Noten, Beurteilungen der Vorgesetzten, Urteile von Nachbarn, Freunden und Familie treffen diesen geistlichen Kern nicht. Sie können ihm nichts anhaben, weil er gar nicht von uns Menschen ­geschaffen, sondern selbst geistlichen Ursprungs ist. "Wir haben den Geist aus Gott empfangen." Ich kann deshalb auch gar nicht wissen, ob es stimmt. Ob es den Geist gibt oder nicht, ist keine Frage des Wissens. Der Geist entzieht sich dem Urteil.

Das macht Pfingsten aus. Die Jünger waren in Jerusalem beisammen. Sie wurden vom Geist ergriffen und fingen an zu predigen. Menschen aus allen Völkern hörten sie in ihrer je eigenen Sprache. Sie entsetzten sich alle, andere meinten sogar, sie wären betrunken. "Der natürliche Mensch kann es nicht erkennen", schreibt Paulus.
Dann predigt Petrus und "es ging ihnen durchs Herz" (Apg 2,37) und sie ließen sich taufen. Man kann es nicht wissen, sondern nur feiern. Kein Weltwissen hilft dazu, es braucht die Erfahrung. Im Hören und Singen, im Loben und Preisen, am besten also im Gottesdienst erleben wir, was uns von Gott geschenkt ist.

Und die Beurteilungen? Sie sind menschlicher, wenn sie nicht versuchen den ganzen Menschen zu erfassen, sondern ihm sein Geheimnis lassen. Das gilt auch für die digitale Welt. Sie neigt zu einer Totalität. Da ist das Geheimnis zu schützen und zu verteidigen.      

              Dekan Jörg Sichelstiel, Fürth


Gebet:

Gott, lass mich deinen Geist spüren, dass du in mir bist. In dir bin ich geborgen und sicher. Lass mich darauf vertrauen und aus dieser Kraft mein Leben gestalten. Amen.

Lied 130:

O Heilger Geist, kehr bei uns ein