Editorial: "Die Kreuze würden von den Wänden fallen!"

Martin Bek-Baier
Martin Bek-Baier

''Welch’ Geist weht denn zur Zeit in der CSU?", fragt sich so mancher, gerade in der evangelischen Kirche. Es scheint ein Ungeist zu sein. Mit seiner Kritik an einer "Anti-Abschiebe-Industrie" hat der CSU-Landesgruppenvorsitzende Alexander Dobrindt nicht nur empörte Reaktionen beim Koalitionspartner SPD und bei den Grünen hervorgerufen. Auch engagierte Menschen in der Kirche, die sich für Asylbewerber haupt- oder ehrenamtlich einsetzen, werden damit übelst diffamiert.

Das "Gerede über eine Anti-­Abschiebe-Industrie ist Quatsch", denn "den Abschiebungsgegnern  geht es nicht um Geld", sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs, wie der Evangelische Pressdienst (epd) berichtet. Dobrindt betreibe den "verzweifelten Versuch, AfD-Wähler zurückzuholen", erklärte er. "Aber meist wählen die Leute das Original, nicht die Kopie." Während man in der CSU versucht am rechten Rand Wähler gutzumachen, gerät man in Gefahr, mit dem Allerwertesten die guten Beziehungen zu engagierten evangelischen Christen und der Landeskirche einzureißen.

Da staunt zum Beispiel auch Ministerpräsident Söder, dass in kirchlichen Kreisen sein durchsichtiger Vorstoß, das Kreuz vor der bayerischen Landtagswahl zu instrumentalisieren  kritisch gesehen wird. Aus Sicht des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, darf das Kreuz als christliches Symbol nicht vom Staat okkupiert werden. Es könne "nicht auf ein Zeichen einer erfolgreichen Kultur- und Beheimatungsleistung reduziert werden, sondern ist das Zeichen einer zum Nachdenken bringenden Infragestellung aller weltlichen Werte", lässt laut epd Bedford-Strohm verlautbaren.

Da imponiert mir der Würzburger Studentenpfarrer Burkhard Hose, der nach einer Abschiebung von Afghanen sagte: "Ich pfeife auf ein ,christliches Abendland’ mit Kreuzen an der Wand, ... das Menschen bewusst in Lebensgefahr abschiebt. Die Kreuze würden von den Wänden fallen, wenn sie es könnten!"

In Nürnberg wurde vergangene Woche von engagierten Bürgern, auch Kirchenmitgliedern, das "bayerische Bürgerasyl" gegründet, das dazu aufruft, Abschiebungen nach Afghanistan sofort zu beenden, weil das Land nicht sicher sei. Da weht der Geist der Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe.

                                 Martin Bek-Baier

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 1. Juli 2018:

- Ein Papst in Genf - gemeinsames Gebet: Hoffnung darauf, das Lagerdenken in der Ökumene zu überwinden

- Europa im Aufbruch: Internationale Tagung im Alexandersbader Bildungszentrum

- Vertrieben aus dem Paradies: Inselbewohner mussten vor 50 Jahren ihre Heimat wegen eines Militärdeals aufgeben

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet