An den Früchten erkennbar?

Brücke
Foto: Bek-Baier

Strecken Sie mal die Zunge heraus und sagen "aaa". Belegte Mandeln, Fieber, Halsweh. Sieht nach einer Angina aus, sagt der Arzt. Von den Symptomen zur Diagnose. So ähnlich wie ein Arzt geht der Briefeschreiber Johannes vor. Natürlich untersucht er keine Kranken. Er sucht bei den Menschen in der Gemeinde nach Symptomen, die ihn wahrhaftigen oder unwahrhaftigen Glauben diagnostizieren lassen:

Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln doch in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er selbst ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. Und daran merken wir, dass wir ihn erkannt haben, wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll so leben, wie er gelebt hat.

Aus 1. Johannes 1,5-2,6

Johannes bewegt damit eine Frage, der in unseren Zeiten noch immer viel Aufmerksamkeit geschenkt wird: Stimmt das, was Menschen überzeugt sagen, auch mit dem überein, was sie tun? Anlass zum Zweifel gibt es leider genug. So ist "Authentizität" heute ein Gebot der Stunde für alle Politikerinnen und Wirtschaftsbosse und erst recht Kirchenleute. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen…

Für Johannes ist die Diagnose im Blick auf die Gemeinde offenbar nicht schwer: Wo Menschen sich ihrer reinen Weste rühmen und sich nicht um Gottes Gebote scheren, da fehlt der wahrhaftige Glaube. Umgekehrt: Wo die guten Werke fließen und Menschen zugeben, was bei ihnen im Argen liegt, da lässt sich der wahrhaftige Glaube diagnostizieren.

Nur: Funktioniert so ein einfacher Rückschluss von den Symptomen auf den Glauben? Würde mein Lebenswandel dann wohl dieser Untersuchung genügen? Gewiss machen sich alle fragwürdig, die Wasser predigen und Wein trinken. Doch es gibt ja durchaus auch Durststrecken im Leben, in denen ich mich selbst erst einmal an den Worten des ­Glaubens festhalten muss. In denen ich mir Psalmen und Gebete vorspreche, ja, geradezu einspreche, ohne dass mein Leben nach außen gleich als Glanzstück an Gebotetreue und guten Werken erscheint. Und erst ganz langsam und stückchenweise wird mein Leben wieder dem entsprechen, was ich ausspreche.

Lese ich genau, dann widerspricht Johannes dem auch nicht: Wenn ich mich von Gott entferne, also "sündige", müde und schlaff im Glauben bin, dann muss ich mich nicht selbst mit guten Werken wieder heranarbeiten an Gott. Vielmehr sorgt sich dann Gott um mich: Wenn ich will. Dann holt mich Gott nah an sich heran, setzt mich erst einmal ans Licht und begleitet mich auf dem Weg zur guten Besserung.

              Pfarrerin Stefanie Schardien, Fürth