Editorial: Die Seele ausgraben ...

Inge Wollschläger
Inge Wollschläger

Derzeit fahre ich auf dem Weg zu meiner Arbeit an Bauarbeiten vorbei. Ein altes Haus wurde abgerissen, um schöner und neuer zu bauen. Doch plötzlich stoppte der Bau: Es wurden Scherben aus dem 12. Jahrhundert gefunden. Ganz vorsichtig tragen nun die Archäologen Schicht für Schicht ab. Jeden Tag  beobachte ich die Fortschritte.

Nach und nach bemerkte man  in der Tiefe neue, bisher unbekannte Umrisse. Vielleicht eine ehemalige Hauswand? Die großen Bagger stehen still - jetzt werden mit kleinem Gerät nach und nach die Feinheiten herausgearbeitet.

Es erscheint mir wie eine Metapher fürs Leben: Je älter wir werden, desto mehr Schichten und innere Mauern haben wir in der Regel um uns aufgebaut. Besser noch eine Mauer um unsere verletzliche Seele. Damit endlich Ruhe ist, mit dem, was uns tief im Innersten beschäftigt. Obendrüber kommt Erdreich. Alles dicht machen. Verletzungen, Kränkungen und Ängste ruhen tief.

Bis auf einmal Jahre oder Jahrzehnte später ein Bagger angefahren kommt. Vielleicht buddelt er aus ganz anderen Gründen zufällig in unseren Gefilden. Bis er dann eher beiläufig und ohne Absicht unsere schön hochaufgerichtete Mauer ankratzt. Ehe man sich versieht, wird nachgeforscht und ausgegraben. Schätze kommen zum Vorschein. Längst Vergessenes. Alles wird ans Licht gebracht. Ob man will oder nicht wird Stück für Stück freigelegt. Vieles, was "unten" ruht, mag dort aus gutem Grund sein. Die Seele schützt sich, so gut es geht. Bis auf einmal Licht hineinfällt. Und dann ist man gezwungen zu handeln. Irgendwie muss man
das Wiedergefundene, Aufgedeckte ebenso katalogisieren und neu ordnen wie die Experten an der Baustelle. Wenn Mauern und Erdreich nichts nützen, fällt einem vielleicht ein, dass es auch andere Orte für all die Altlasten des Lebens geben kann.

In dem Lied: "Vergiss nicht zu danken dem ewigen Gott" steht die Zeile "... er warf unsere Sünden ins äußerste Meer". Vielleicht ist die Variante noch geschickte, zu wissen: Ich bin nicht alleine zuständig. Es gibt einen, der unsere Sünden und Altlasten entsorgen kann, als wir es selbst je vermögen. Vertrauen wir auf den himmlischen Experten.                

Inge Wollschläger

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