Ein Tänzchen in Ehren ... bewegt viel

Renate Reichel und Sohn Stefan
Renate Reichel und Sohn Stefan bewegen sich gemeinsam zur Musik beim Tanztreff. Foto: Borée

Betreuungsassistenten im Kompetenzzentrum Demenz bringen den Alltag in Schwung

Er lässt keinen Tanz aus - so weit es irgendwie machbar ist. Regelmäßig kommt Stefan Reichel freitagnachmittags ins Nürnberger Kompetenzzentrum Demenz. Es geht ihm weniger darum, Freddy Quinns "Junge, komm bald wieder“ zu hören. Es geht ihm um seine Mutter Renate Reichel, der er so nahe sein kann (Foto).Die Angehörigen sind gern gesehen zum wöchentlichen Tanztreff des Kompetenzzentrums, das von der Diakonie Neuendettelsau betrieben wird. Nicht nur Sohn Stefan Reichel kommt. Auch Ehepartner sind immer wieder da: So Christa Hoyer, die ihren Mann Franz nicht mehr selbst betreuen kann. Oder Kurt Ohner, dessen Frau Barbara ebenfalls im Kompetenzzentrum lebt. Allen Bewohnern ist gemeinsam, dass sie in ihrer ganz eigenen Welt der Demenz leben.

Vielleicht ist ein direktes Gespräch mit ihnen auch für nahe Angehörige nicht einfach. Aber die stumme Kommunikation beim Tanzen überwindet die Grenzen der Krankheit und den Nebel im Gehirn. 

Es tanzen aber nicht nur Angehörige, sondern auch Bewohner unter sich. Renate Olszewski und Max Herbst wohnen auf verschiedenen Fluren, doch am Freitagnachmittag haben die beiden nur noch Augen füreinander. Selbstverständlich sitzen sie schon zu Beginn nebeneinander im Stuhlkreis. Dann geht es los - zu ihrem späten Frühling.

Kaum erklingen die ersten Takte vom Band, gibt es im ganzen Rund kein Halten mehr: Die Lieder von vorgestern sind sofort wieder erkannt. Die Tanzschritte müssen jedenfalls nicht neu eingeübt werden - sie sind längst noch nicht verschüttet. Zum richtigen Rhythmus sind sie sofort wieder präsent. Und die Etikette von früher selbstredend genauso. Naütrlich wird auch das Trinken in der Pause nicht vergessen.

Die Betreuungsassistentinnen setzen da Impulse. Sieben Kolleginnen gibt es im Kompetenzzentrum - und einen Mann. Beate Böhm ist seit 2009 als Betreuungsassistentin im Haus. Vorher war sie im Service-Bereich bei Quelle tätig - bis das nicht mehr ging. Sie wollte jedoch nicht mehr in den Verkauf zurück, sondern ließ sich damals entsprechend umschulen. Sie hat den Aufbau der Arbeit miterlebt.

Gerade kommt Beate Böhm von einer Fortbildung zurück - und sprüht vor Ideen. Einen Fundus an einfachen Bastelideen und -materialien hat sie sowieso schon. Davon ausgehend könne man auch einzelne Bewohner gezielter fördern, ohne dass die anderen es merken. Wichtig ist aber, nicht die Gruppe als solche zu überfordern - sonst liegt eine Blockade nahe.

"Es kommt immer darauf an, wie die Bewohner drauf sind“, ergänzt ihr Kollege Steffen Scholz. Drei Jahre nach Beate Böhm kam Scholz ins Haus. Auch unter den knapp hundert Menschen, die sie betreuen, finden sich etwa ein Dutzend Männer. Ihnen kann er Angebote machen, die seinen Kolleginnen etwas schwerer fallen: etwa Kegeln oder ein Bierchen trinken. Auch das gemeinsame Anschauen eines Fußballspiels liegt aktuell gerade nahe. Vielleicht ist der jeweilige Punktestand schnell vergessen. Dazu lassen sich dann gleich mal einfache Fan-Artikel basteln.

Gehe das geplante Projekt heute nicht, müsse man flexibel sein. Oder nach fünf Minuten wiederkommen, ergänzt die Pflegedienstleiterin Barbara Heitmann. Bei einer erneuten Begrüßung ist vielleicht das Problem  schon wieder vergessen.
Der Tanztreff ist ein Gemeinschaftsprojekt aller Wohngruppen. Daneben gibt es Ideen für den engeren Kreis. Oder einige Bewohner fahren mit dem zentrumseigenen Kleinbus in ein Nürnberger Museum - oder einfach in eine Eisdiele. Bereits einige Tage vor einem Museumbesuch kommen die Museumspädagogen ins Kompetenzzentrum und führen ein wenig in das jeweilige Projekt ein. Die Assistentinnen sprechen gezielt Bewohner an, die ein solcher Ausflug bereichern könnte.

Ist das Eis erst einmal gebrochen, ist der Bus bald voll. Oft warten auch schon Angehörige auf die Ausflügler am Museum. Eine dreiviertel Stunde Ausflug in die Kultur - mehr gehe sowieso nicht. Aber ebenso wichtig ist das gemeinsame Kaffeetrinken im Museum. Die Bewohner können da zwischen verschiedenen Kuchen und mehreren Getränken wählen - ein seltenes Hochgefühl.

Vielleicht haben manche Bewohner gleich schon wieder Böhms Namen vergessen. Aber wenn sie mit ihnen unterwegs ist, schauen die Bewohner immer wieder nach ihr: Ist sie noch da? Das gibt Sicherheit - selbst bei einem Gottesdienst. Denn allein schon ein Gang ins Foyer ist ein Ausflug - raus aus den Wohnfluren, fast ins Unbekannte hinein.

Der Betreuungsassistentin liegt die Welt der Musik nahe. Dies nicht nur beim Tanzen. "Mit Liedern kann ich viel erreichen“, meint sie. Sie weiß genau, welches die Lieblingsmelodien mancher Bewohner sind. Und sie kann ihr Wissen an die Pflegekräfte weitergeben. Mit diesem Liedchen auf dem Lippen lassen sich dann auch von ihnen schwierige Situationen umschiffen oder ein aufgewühlter Bewohner beruhigen. Oder ein Lied beim Abendritual fördert das Einschlafen. "Im Tanzschritt geht es auch mal schneller ins Zimmer zurück“, lächelt Beate Böhm. Und dann können sie davon träumen, dass ihre Kinder und Partner bald wieder kommen.  

                       Susanne Borée

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