Erinnerung - in der Sonnenhitze verglüht?

Blick in die aktuelle Ausstellung in der "Reithalle" hinter der Prager Burg.
Blick in die aktuelle Ausstellung in der "Reithalle" hinter der Prager Burg. Foto: Borée

Auf Spurensuche in Tschechiens Hauptstadt drei Wochen vor dem Prager Frühling

Prager Frühling, das ist ein Musikfestival. Im Internet beherrscht dieses Suchergebnis seit Wochen die ersten Seiten der Suchmaschinen. In Tschechiens Hauptstadt selbst hängen noch die sonnenvergilbten Plakate dazu - unbeachtet von den leicht bekleideten Millionen. Eher scheinen sie auf der Suche nach der nächsten Biertour oder zumindest dem Springbrunnen um die Ecke. Drei Wochen vor dem 50-jährigen "Jubiläum" dem Einmarsch der Soldaten des Warschauer Paktes in Prag vom 21. August 1968 gestaltet sich die Spurensuche zäh.

Gar nicht so einfach, mein Google dazu zu bringen, dass "Prager Frühling" auch etwas Historisches sein kann. Wikipedia verbindet es endlich mit "1968". Daneben gibt es ein wenig touristische Infos über Ausstellungen, oft verbunden mit einer Schau zur hundertjährigen Staatsgründung. Am Ende des Ersten Weltkrieges fand sie zum 28. Oktober 1918 statt.

Vor Ort: Im Schatten der Prager Burg bietet die "Reitschule" einen Überblick über die "Anfänge der Staatswerdung". Offenbar hat die jüngere tschechische Geschichte eine enge Verbindung mit der Zahl "8" am Ende: Nach 1918 dann 1938, als Hitler das Sudetenland einnahm, dann 1948 die Kommunistische Machtübernahme, 1988 der Beginn der Bürgerrechtsbewegung, die früher als in der DDR zur Wende führte.

In den 1960er Jahren schwächte eine enorme Wirtschaftskrise das Land. Gleichzeitig stemmt sich die Slowakei gegen die Zentralisierung. Zwar begann dort ein Modernisierungsschub, doch verloren die Slowaken ihre Eigenständigkeit.
Angenehm kühl ist es in den Reitställen - und gähnend leer. Zu "1968" findet sich hier kaum etwas. Rentnerinnen halten Wacht im Schatten - obwohl keine Gefahr besteht, dass sich jemand verläuft. Was haben sie vor 50 Jahren erlebt?

Erinnern sie sich an die hitzigen Dispute, den Sturm neuer Gedanken, die Ungewissheiten neuer Freiheiten? Was gerade noch unumstößlich gegolten hatte, besaß nun schon längst keine Bedeutung mehr. Alexander Dubcek aus dem slowakischen Landesteil, nun erster Sekretär der kommunistischen Partei in Prag, öffnete die Schranken der Zensur. Wirtschaftsreformer sollten die ökonomische Krise der Tschechoslowakei in den Griff bekommen. Gesundes Konkurrenzdenken der Betriebe statt straffer Lenkung von oben sollte dazu helfen. Hielten sie dem Sturm aus den geöffneten Fenstern stand?

Ach, wenn heute nur bloß ein Lüftchen wehte! Wieder hinaus in die Hitze und durch die Menschenmassen, die sich durch die sonnendurchflutete Prager Burg wälzen. Zur Moldau hin öffnen sich die Gärten des Waldstein-Palais. Dort tagt der tschechische Senat. Und von April bis September sollte hier laut CzechTourism eine "allgemeine Ausstellung zu 1968 zu sehen sein". Aber: Kein Hinweis, kein Plakat. Ich umrunde den Komplex zweimal und laufe dann dem Sicherheitsdienst in die Arme:  Ausstellung, Geschichte, 1968? Sie holen eigens einen deutschsprachigen Kollegen. Er weiß von nichts, "vielleicht später einmal".

Zurück über die Moldau, über den Altstädter Markt hin zum Karolinum in den Räumen der Prager Universität. Dort gibt es "Hundert Objekte aus hundert Jahren" - in gekühlten Räumen und bei freiem Eintritt. Auch hier wieder übertreffen die Ausstellungsstücke und die Aufpasser bei weitem die Besucher. Für 1967 steht eine Glühbirne. Gut, dass der Begleittext in englischer Sprache erläutert: Am 31. Oktober 1967 protestierten Studenten gegen die Zustände in ihren Wohnheimen. So gab es damals dort zu wenig elektrisches Licht zum Lernen - und das im Herbst.

Und für 1968 stellt das Karolinum eine afrikanische Maske aus. Damals konnte eine studentische Delegation Richtung Lambarene ausreisen - die Urwaldstation, die auch nach dem Tod Albert Schweitzers 1965 weiter existierte. Sie wollten eine Medizin-Lieferung dorthin bringen. "Und sie hungerten nach Neuigkeiten vom Prager Frühling", so der Begleittext Auf ihrem Rückweg erfuhren sie in Marseille von der Niederschlagung ihres Frühlings. Was alles gleichzeitig geschehen kann!
Auch 2008 zielte auf das Prager Nationalmuseum wieder eine Panzerkanone.

Aber dies war vor zehn Jahren Teil einer Sonderausstellung anlässlich des 40. Jahrestages zum Ende des Prager Frühlings. Schon vor dem Museum wollten die Kuratoren die damalige Atmosphäre vermitteln. In der Eingangshalle zeigten sie die Ereignisse von 1968 und die Folgen plastisch. Abschließend ließen sich Fotos, Dokumente und Gegenstände besichtigen, die die Bürger nach einem Aufruf im Fernsehen dem Museum zugeschickt hatten.

Heute ist das Nationalmuseum immer noch seit Jahren mit der Renovierung beschäftigt. Vielleicht wird es bis zum Jubiläum der Staatsgründung im Oktober fertig. Und der Neubau - das Gebäude der ehemaligen Föderalversammlung daneben - wie ein quadratisches Ufo in der Bauwüste gelandet. Er zeigt eine Schau über die Kelten. Zufall? Oder gilt hier wieder: Je beunruhigender die unmittelbare Vergangenheit ist, desto weiter blicken die Menschen in die Vergangenheit zurück.Als die Truppen des Warschauer Paktes in ihr Land einzumarschieren begannen, zerstörten und verdrehten die Tschechen Ortstafeln und Straßenschilder, um die Besatzer zu verwirren. Vielleicht gelang dies im Einzelfall, doch hielt es die Niederwerfung des Prager Frühlings nicht auf. Und ist er heute in der Sommerhitze verbrannt? Wegweiser dazu finden sich kaum     

                       Susanne Borée

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