Editorial: Die Kraft der Sonne bewahren

Susanne Borée
Susanne Borée

Macht dies die Faszination der Obsternte aus? Es ist etwas ganz Besonderes, wenn Äpfel, Birnen oder Pflaumen noch sonnenwarm in den Händen liegen oder ihr herbsüßes Aroma den Mund bis in die letzte Pore füllt. Niemals zu vergleichen mit dem Obst aus dem Neonlicht des Supermarktes. Der Geschmack des Sommers bleibt so noch ein kleines Weilchen, während sich die Morgendämmerung in Nebel hüllt. Oder wenn es auf einmal auffällt, wie braun schon die Blätter der Bäume sind, wenn die Sonne sie nicht mehr durchstrahlt.

Übervoll waren die vergangenen Monate mit Wärme. Sicherlich waren manche Wochen im Hochsommer viel zu heiß. Wer hat schon wochenlang Zeit für träge Tage am See oder zumindest im Schwimmbad und die lauen Abende im Biergarten? Und viel zu trocken - wie nicht nur die Landwirte landauf, landab bemerkten.

Trotzdem brachten die heißen Wochen früher als sonst sonnenreifes Obst. Wieder ist es viel mehr geworden als der Kühlschrank fasst. Und Dachboden oder Keller sind noch nicht frisch genug für eine lange Lagerung. Das Einkochen oder Dörren macht zusätzlich Arbeit, hat aber eine ganz eigene meditative Faszination. Es hat etwas zutiefst Befriedigendes, das Obst zu verarbeiten und zu bewahren - auch wenn die Hände aufreißen und sich die pflaumenbraunen Fingerkuppen nur mühsam schrubben lassen.

Aus den Zeiten vor der elektrischen Kühlung oder des globalisierten Warenumschlages, der jede verderbliche Ware immer und überall verfügbar macht, stammt dieses archaische Wohlbefinden inmitten der Fülle. Es bleibt bestehen, auch wenn der Kopf weiß, dass auch dieses Jahr wieder zu viel Marmelade und Apfelmus eingemacht wird.

Egal, dies bewahrt noch ein wenig die Süße des Sommers. Auf jeden Fall ist es ungleich besser, zu viel Eingemachtes zu bewahren als zu viele Vorratskäufe bei der Schnäppchenjagd im Supermarkt.

Es bleibt ein wenig das Bedauern, mal wieder zu viel über die Hitze vor dem Computer geklagt und sie zu wenig genossen zu haben. Aber der Sonnenkraft spüren Hände und Zunge bei der Ernte und Verarbeitung nach. Es sind noch einmal Wochen der Dankbarkeit vor dem immer dichteren Nebel der Vergänglichkeit. Was aber wäre all die Sonnenwärme ohne Begrenzung? So fragt Ihre

Susanne Borée