Vergessene Front - vergessene Tote

Herbert Salber und Wilhelm Wenning
Der deutsche Botschafter in Bulgarien, Herbert Salber, und Wilhelm Wenning, der Landesvorsitzende des Landesverbandes Bayern des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. gedachten an die Gefallenen des Ersten?Weltkrieges am deutschen Soldatenfriedhof in der Hauptstadt Sofia. Foto: Bek-Baier

Deutsche Kriegsgräberfürsorge erinnert an Ende des Ersten Weltkrieges an bulgarischer Front

Gerade einmal 20 oder 21 Jahre wurden sie alt: Junge Männer aus Bayern, die fern der Heimat, in Süd-Bulgarien - am Rand der Welt sozusagen - "für das Vaterland" starben. Sie fielen eben nicht an bekannten Schlachtfeldern, wie Verdun, an der Maas oder an der Isonzofront. Sie fielen in Bulgarien, in einem bei uns weitgehend unbekannten Gebirge. Zum Gedenken an 100 Jahre Kriegsende des Ersten Weltkrieges führte der Volksbund Deutsche Kiregsgräberfürsorge e.V. aus Bayern eine Presse-Informationsreise nach Bulgarien unter dem Motto "Vergessene Front des Ersten Weltkrieges"  durch. Zehn bayerische Journalisten und eine Journalistin besuchten - unterstützt von der Volksbund-Stiftung "Gedenken und Frieden" - Kriegsgräber und Frontabschnitte, die in Geschichtsbüchern nur in Randnotizen vorkommen. Und doch ließen hier junge Soldaten aller Kriegsparteien ihr Leben.

Weihrauch-Geruch hängt in der Luft zwischen Gräbern und Pinien. Der orthodoxe Pope Georgi Tantschev hält ein Friedensgebet für die gefallenen deutschen Soldaten, schwenkt sein qualmendes Weihrauchfass und bittet Gott für den ewigen Frieden. Er bricht Brot und sprengt in Kreuzform Wein über die Soldatengräber.Der Friedhof Sandanski liegt am steilen Abhang eines Ausläufers des Piringebirges, an dessen sonnigem Hang die Häuser der Stadt liegen.

Über steil hinabführende Treppen, gesäumt von den zivilen Gräbern der Stadt, gelangt man zu dem umfriedeten Gräberfeld. Es ist mit einer Basaltmauer umgeben, die Wege sind mit Kalksteinplatten belegt. Die 35 Gräber sind in drei Reihen terrassenförmig angelegt und mit dichten Lavendelsträuchern bepflanzt. Im Sommer muss es ein duftendes Blütenmeer sein. Auf den Gräbern liegen Granitsteine mit Namen und teilweise exotisch klingenden Dienstgraden des Ersten Weltkrieges: Tragtierführer heißt es da mehrmals oder Schütze im Lichtmesstrupp. Meistens waren die jungen Männer Angehörige bayerischer Gebirgstruppen. In den restlichen Gräbern liegen Tote des Zweiten Weltkrieges.

Auf dem Friedhof erwartete der Geistliche der Stadt die Gruppe des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge aus Bayern. In der kurzen Zeremonie gedenkt er den Gefallenen, bedauert den Tod junger Menschen, bittet für ihre Seelen und betet für den Frieden. Dann wird Brot und Wein in der Gruppe geteilt.

Auf den schlichten Grabplatten  liest man bayerische Namen. Wie hart der Dienst hier am Rande der Welt war, fernab der bekannten Fronten, erfuhr die Reisegruppe durch Landesgeschäftsführer Jörg Raab. Er verlas zu einzelnen Gräbern die Hintergründe aus der Kriegsstammrolle.  Sie verrät mehr über die Toten, als die kargen Angaben auf den schlichten Grabsteinen.

Einzelschicksale

Tragtierführer Georg Niederreuther verstarb nicht bei Kampfhandlungen, sondern, wie viele junge Männer hier, an einer der Seuchen wie der Dysenterie (Ruhr). Der Sohn eines königlichen Bezirkstierarztes war vor seiner Einberufung als "praktischer Ökonom" in Friedberg bei Augsburg tätig. 1916 wurde er zum Infanterie-Leib-Regiment einberufen und schließlich zur Gebirgs-MG-Abteilung versetzt. Er wurde nicht einmal 20 Jahre alt.

Eine Grabreihe weiter unten liest man  "Gefreiter Josef Jörg". Er  wurde 1895 in Obing (Landkreis Traunstein) als Sohn des Schweizers Benedikt Jörg und seiner Frau Elisabeth geboren und katholisch getauft. Vor seiner Einberufung war Jörg als Metzger in Bergen bei Traunstein tätig. Im Januar 1915 wurde er zu einem Infanterie-Regiment einberufen. Im Mai erfolgte die Versetzung zur Gebirgs-MG-Abteilung. Zwei Jahre nach seiner Einberufung erfolgte die Beförderung zum Gefreiten. Jörg war Träger des Eisernen Kreuzes II. Klasse. Auch er starb nicht im Kampf: Nach mehreren Lazarettaufenthalten wegen Darmerkrankungen und Malaria, erlag er mit 20 Jahren am 29. Mai 1917 seiner Krankheit - um 18.30 Uhr. So genau können die Angaben sein. Sie geben den Menschen, die sich hinter den Grabinschriften befinden, wieder einen Teil ihrer Biographie zurück.

"Von schlanker Gestalt"

Dass die Auskunft der Stammrolle noch viel genauer sein kann, zeigt sich schließlich am Grab von Leutnant der Reserve Ludwig Schauppmeyer.  Er wurde am 29. 12. 1896 als Sohn des Magistratsstadtsekretärs Karl Schauppmeyer und dessen Frau Elisa in München geboren und katholisch getauft. Die Eltern lebten in der Pestalozzistraße 26 in München. Schauppmeyer absolvierte ein Studium der Ingenieurswissenschaften in München. "Er war blond, von schlanker Gestalt und 1,79 cm groß", heißt es. Er war einer der ersten Kriegsfreiwilligen und rückte am 15. September 1914  beim Rekruten-Depot des Infanterie-Leib-Regiments in München ein. Am 17. Oktober 1914 kam er zur Ersatz-MG-Kompanie des Regiments. Er kam mit der 2. MG-Kompanie des Reserve-Infanterie­-Regiments 18 ins Feld und nahm an den Kämpfen bei  Munster im Oberelsass teil.

Man kann seinen Werdegang durch verschiedene Lehrgänge und Beförderungen mit verfolgen.  Er wurde zum "überzähligen Vizefeldwebel" befördert. Nach vielen Versetzungen wurde Schauppmeyer dann zur Gebirgs-MG-Abteilung 207 versetzt. Im November und Dezember 1915 nahm er am Durchmarsch durch Serbien teil. Im Mai erfolgte dann der Aufmarsch an der griechischen Grenze, bevor im Juni und Juli 1916 der Vormarsch durch den Rupel-Pass in Mazedonien erfolgte.

Ab August 1916 nahm Schauppmeyer am Stellungskrieg gegen Griechenland im Rahmen der Kämpfe der 2. Bulgarischen Armee teil. Am 30. September erfolgte die Beförderung zum Leutnant der Reserve. Schauppmeyer war Träger des Eisernen Kreuzes II. Klasse, des bayerischen Militär-Verdienstordens IV. Klasse mit Schwertern und des bulgarischen Tapferkeitskreuzes in Silber IV. Klasse. Doch am 15. Januar  1917 um 16.15 Uhr kam der Leutnant durch Fliegerbomben-Splitter um, die ihn in Rücken und Unterleib trafen. So genau sind allerdings erst ab dem Offiziersrang die Angaben. Auch er wurde nur 20 Jahre alt.

Euphorische Verbündete => weiter