Pope gedenkt an gefallene Deutsche
Der orthodoxe Priester Georgi Tantschev hielt eine Andacht in Gedenken an die im Süden Bulgariens gefallenen Deutschen auf dem Friedhof Sandanski. Landesvorsitzender Wilhelm Wenning (Mitte) und Landesgeschäftsführer Jör Raab legten anschließend einen Kranz nieder. Foto: Bek-Baier

Dolchstoßlegende im Süden

"Der 8. August ist der schwarze Tag des deutschen Heeres in der Geschichte dieses Krieges", schrieb der ehemalige Weltkriegs-General Erich von Ludendorff in seinen Kriegserinnerungen. Er verantwortete eigentlich die gescheiterte Deutsche Frühjahrsoffensive 1918 - war aber einer der Väter der Dolchstoßlegende. Nach dem Scheitern der letzten deutschen Offensive an der Westfront führen englische und französische Angriffe bei Amiens zu schweren deutschen Verlusten.

Der Kampf an der Westfront war entschieden. Eine ähnlich große Bedeutung kam dem Durchbruch der englischen Orientarmee und ihrer Verbündeten an der Südfront zu, zwischen Griechenland und Bulgarien. Obwohl in beiden Fällen eindeutig eine militärische Niederlage der Mittelmächte zu verzeichnen war, machte schnell die Legende die Runde, deutsche Truppen seien ungeschlagen an der Front gewesen. Der eigentliche Grund für die Niederlage sei bei politischen Kräften im Reich zu suchen.

Die Dolchstoßlegende war geboren. Sie war eine von der deutschen Obersten Heeresleitung in die Welt gesetzte Verschwörungstheorie, die die Schuld an der von ihr verantworteten militärischen Niederlage des Deutschen Reiches vor allem auf die Sozialdemokratie und andere demokratische Politiker abwälzen sollte. Sie besagte, das deutsche Heer sei im Weltkrieg "im Felde unbesiegt" geblieben und habe erst durch oppositionelle "vaterlandslose" Zivilisten aus der Heimat einen "Dolchstoß von hinten" erhalten. Ludendorff war Mitbegründer dieser Legende, die er in ähnlicher Weise auf Bulgarien übertrug: Nicht die deutsche Armee und auch nicht zahlenmäßige Übermacht der Entente - den Bündnisarmeen von England, Frankreich, Serbien und  und Italien - sei für den Zusammenbruch in Bulgarien ausschlaggebend gewesen, sondern der "mangelnde Kampfeswille" der bulgarischen Armee.

Er schreibt in seinen Erinnerungen: "Am 15. September 1918 griffen die Ententearmeen in Mazedonien an, östlich des Vadar, in dem Gebirge zwischen Vardar und Cerna und bei Monastir. Auf beiden Flügeln scheiterten die Angriffe. In der Mitte, wo die Verhältnisse dem Angriff die größten Schwierigkeiten boten, leisteten die dort stehenden bulgarischen Truppen keinen Widerstand. Sie gaben ihre Stellungen einfach auf. Nur hierdurch ist das schnelle Vorwärtskommen der Ententetruppen möglich geworden. ... Die deutschen Truppen konnten das Loch alleine nicht schließen. Der Entente war der Abstieg nach Norden frei. Die bulgarische Armee ging nach Hause."

Zur Zeit der Weimarer Republik betätigte sich Ludendorff im Übrigen in der völkischen Bewegung, beteiligte sich 1920 am Kapp-Putsch und 1923 am Hitler-Putsch. Anders als Ludendorff es darstellte, waren die Gründe für die Niederlage an der Südfront eine ausgedünnte deutsche Armee auf der einen und eine starke alliierte Orientarmee auf der anderen Seite. Ähnlich bedeutsam, wie der alliierte Durchbruch bei Amiens für die Westfront für das Ende des Ersten Weltkrieges gewesen war, war es der Sieg der Entente-Truppen hier in Bulgarien an der Südfront.

Doch dieser strategisch wichtige Kriegsschauplatz ist in Vergessenheit geraten und in die Fußnoten der Geschichtsbücher gerutscht. Auf Bitten Bulgariens nach weiterer Unterstützung reagierte das Deutsche Reich zu spät, und so scherte der Partner aus der Allianz aus und schloss Ende September 1918 einen separaten Waffenstillstand. Unter Enttäuschungen und Vorwürfen endete somit eine Partnerschaft, die dem gegenseitigen Nutzen geschuldet war.Empfindlicher Verlust

Auf dem Friedhof in Bulgariens Hauptstadt Sofia machen die Zahlen  deutlich, wie abgelegen dieser Kriegsschauplatz war: Eine Tafel würdigt 1.400 deutsche Soldaten beider Weltkriege, die in Bulgarien gefallen sind. Insgesamt liegen hier 2.000 Soldaten aus sechs Nationen. Auf dem deutschen Friedhof haben 278 gefallene Soldaten des Ersten Weltkrieges ihre letzte Ruhestätte gefunden. Der deutsche Botschafter Herbert Salber begrüßte die Delegation aus Bayern. Bulgarien sei ein Ort, der nicht prominent in der Erinnerung an den Ersten?Weltkrieg geblieben sei.

"Nur Wenige wissen daher noch, um die Soldaten, die hier ihr Leben ließen", so der Botschafter. Auch wenn es vergleichsweise nur wenige Deutsche sind, die in Bulgarien im Ersten Weltkrieg ihr Leben ließen, war der Zusammenbruch der Front hier im Süden für das Deutsche Reich und seine Verbündeten genauso empfindlich, wie die verlorene Westfront. Andererseits: Sie starben im Grunde genauso sinnlos - und viel zu jung.

Gemeinsam mit Wilhelm Wenning, dem Landesvorsitzenden des Landesverbands Bayern des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., legte der Botschafter am Denkmal in Sofia  einen Kranz zur Erinnerung an die Gefallenen nieder.  Ein Trompeter der Präsidentengarde Bulgariens verlieh der Zeremonie einen noch feierlicheren und offiziellen Charakter. Was er bläst, klingt für deutsche Ohren bekannt: "Ich hatt’ einen Kameraden."

                     Martin Bek-Baier

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