Editorial: Wie betäubt vor den Veränderungen

Susanne Borée
Susanne Borée

Wie betäubt steht man angesichts der gewaltigen Veränderungen der letzten Wochen.'' Was ist geschehen? Europa kaputt? Keine Regierung mehr in Bayern möglich? Oder die Alpen in den Müllbergen erstickt? Nein, so begann das Rothenburger Sonntagsblatt seinen ''Politischen Wochenbericht" am 1. Dezember 1918. Die Autoren versuchen die Ereignisse des Revolutions-Monats im November 1918  zu fassen. Doch stehen sie fassungslos davor. Auch heute versuchen wir Entwicklungen einzuordnen - nicht ihnen hinterherzuhinken. War die Revolution erfolgreich oder gescheitert? Bei uns können Sie sich selbst ein Bild machen.


Millionen Menschen hatten 1918 gerade erst die Hölle durchquert. Neben den sinnlosen Toten auf den Schlachtfeldern tobte nun der apokalyptische Reiter der Seuche durchs Land. Die Spanische Grippe war keine harmlose Erkältung. Es gab kein Gegenmittel. Hunger und Elend hatten die Menschen zusätzlich geschwächt. Noch eine Strafe Gottes?

Unsicherheit macht sich auch jetzt - 2018 - breit. Was gilt Morgen noch von dem, was uns gestern selbstverständlich war? Doch sollte man heute nicht so tun, als stünden wir vor dem Aus. Natürlich wird es unseren Kindern schlechter gehen als es unseren Eltern gegangen ist. Ein Anwachsen von Wohlstand und Sicherheit ist wohl eher endlich.

Eher scheinen uns die Herausforderungen zu überholen, wenn wir uns ihnen nicht zuwenden wollen: Klima, Energie und Gerechtigkeit warten auf umfassende Lösungen. Ein Beispiel: Da ist es etwa keineswegs damit getan, das Heil der Welt auf Elektro-Autos zu setzen - so lange Kobalt für ihre Akkus unter menschenrechtsverachtenden Bedingungen  geschürft wird. Und dieser Rohstoff ist genauso endlich wie Öl.

Doch lassen wir uns nicht betäuben. Im Vergleich zu 1918 oder im Vergleich zu anderen Weltgegenden heute geht es uns ganz gut. Kein Grund, gelähmt zu sein, hilflos den Ereignissen hinterherzurennen. Oder im Gegenteil polarisiert zu werden und irdischen Heils­predigern zu sehr zu trauen. Vielleicht stehen wir heute wieder vor einer Zeitenwende - aber nicht vor einem Aus.

Einen besseren Menschen schaffen wohl auch wir nicht. Aber: Noch sind unsere Alltags­prob­leme nicht so drängend wie 1918. Nutzen wir unsere Zeit!

Susanne Borée

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