Revolution in Deutschland

Revolution

Der Kieler Matrosenaufstand von 1918 hatte weitreichende Folgen auf ganz Deutschland

Zwei Irrtümer müssen aufgeklärt werden. Irrtum Nummer eins lautet: In Deutschland hat noch nie eine Revolution erfolgreich stattgefunden. Irrtum zwei lautet: "Der Matrosenaufstand in Kiel war blutig und führte zu Chaos." Der Aufstand der deutschen Matrosen im November 1918 hatte eine Vorgeschichte. Er gab Anstoß zu einer größeren Revolution auch in Berlin und andernorts und führte schließlich zur Ausrufung der Republik am 9. November. Es fielen zwar Schüsse in Kiel, dennoch waren nur wenige Opfer zu beklagen, vorwiegend auf Seiten der Matrosen, die eigentlich nur Brot, Frieden und Gerechtigkeit wollten.

Ziemlich schönes, kühles leicht nebliges Wetter. In Kiel macht die Marine Demonstration. Großer Zug durch die Stadt", schreibt am Sonntag, 3. November 1918 der Kieler Werftingenieur Nicolaus Andresen in sein Tagebuch. Als dieses 1980 zufällig auf einem Flohmarkt gefunden wurde, war es eine Sensation! Zum ersten Mal gab es eine unabhängige Textquelle zum Kieler Revolutionsgeschehen in den ersten Novembertagen des Jahres 1918. Aus erster Hand konnten Historiker nun die Geschehnisse jener Tage rekonstruieren oder ihr Wissen ergänzen. Andresen ist ein weitgehend unbeteiligter, aber stark interessierter Zeitzeuge. Besonders prägnant ist seine Beschreibung von der Nervosität und den Irritationen, die damals vor und während der Kämpfe herrschten - auf beiden Seiten. Hausgemachte Krise

Als es Ende Oktober und Anfang November in der kaiserlichen Flotte zu rumoren begann, waren die Offiziere und die Flottenleitung völlig überrascht. Dabei waren die Probleme hausgemacht. Die Vorzeichen hatten sie in vier Jahren Krieg geflissentlich übersehen.

Die Marine im Deutschen Kaiserreich war ein Spiegelbild der militaristisch geprägten Klassengesellschaft jener Zeit. Aus genau diesen Klassenunterschieden erwuchsen die Probleme, die 1918 ungelöst waren und die sich so zuspitzten, dass sie zur Revolution führten. Die streng hierarchische Rangordnung der Marine führten die Seeoffiziere an. Meist stammten sie aus dem gehobenen Bürgertum, anders als das vorwiegend adelig geprägten Offizierskorps des Heeres.

Dennoch fand eine strenge gesellschaftliche Auswahl statt. Deutsche jüdischen Glaubens oder Angehörige der Arbeiterschicht galten als "sozial unerwünscht" und konnten nicht Seeoffizier werden. So entstand eine Elite, die keinerlei Gespür für die Menschen auf ihren Schiffen hatte. Ein wesentlicher Punkt, der zu den Unruhen unter den Mannschaften beitrug, war nämlich die mangelnde Empathie und fehlende Fähigkeit der Offiziere in Menschenführung.

Die teure und lange Ausbildung zum Seeoffizier bedingte, dass die Offiziersanwärter unter sich blieben und erst mit ihrem Dienst zur See Umgang mit Unteroffizieren und Mannschaften bekamen. Die Seeoffiziere waren zwar hervorragend in den Kenntnissen zur Seekriegsführung und Seefahrt geschult. Sie wurden zur Treue zum Kaiser angehalten und erzogen. Aber tiefgehende politische Kenntnisse besaßen die wenigstens von ihnen - im Gegensatz zu vielen Matrosen aus unteren gesellschaftlichen Schichten.

Die Seeoffiziere waren Berufssoldaten. Sie legten nicht selten ein herrisches, von Standesdünkel geprägtes Auftreten an den Tag. Ihnen gesellschaftlich untergeordnet waren Ingenieur- und Deckoffiziere, die der der Mittelschicht entstammten. Die Mannschaftsdienstgrade bestanden größtenteils aus Wehrpflichtigen aus der Arbeiterklasse und aus Handwerkern. Durch diese Schichtenaufteilung entstanden schon während der vorangegangenen Kriegsjahre soziale Spannungen. Ihnen wurde nie von Grund auf begegnet. Sie verschärften sich immer mehr. All diese Versäumnisse erwiesen sich schon während des gesamten Ersten Weltkrieges als verhängnisvoll. Denn sie gelten als Brandsatz der Flottenunruhen und der Meuterei der Matrosen. 

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