Gefährliche Flottenpolitik

Seit 1897 betrieb das Kaiserreich ein gefährliches Spiel. Es sah in Großbritannien einen Rivalen und potentiellen Gegner und startete ein Wettrüsten der Kriegsflotten. Man wollte provozieren und einschüchtern und später im Krieg erhoffte man eine entscheidende Schlacht schlagen zu können. Der Kaiser erklärte die Marine als sein eigenes und wichtigstes Projekt. Doch die Briten ließen sich nicht einschüchtern, die kaiserliche Flotte blieb bis zuletzt von ihren Möglichkeiten her unterlegen. Im Krieg war sie durch die Seeblockade zur Untätigkeit verurteilt. Auch die Seeschlacht im Skagerrag änderte an dieser Situation nichts grundlegend. Die Konzeption des kaiserlichen Seekrieges erwies sich als großer Fehlschlag. Man hatte diese Schlacht herbeigeführt, in der Annahme die Briten schlagen zu können. Zwar versenkten die deutschen Schiffe mehr englische als andersherum, doch der strategische Erfolg blieb aus.

Die Leidtragenden waren die Matrosen. Auch wenn die Marine die Schlacht als Sieg feierte, sahen die Matrosen vor allem die Verluste unter ihren Kameraden, die für "die da oben" und einen unsinnigen Krieg gestorben waren. Eintöniger Dienst, schlechte Lebensbedingungen an Bord über Monate und Jahre hinweg, unzureichende Verpflegung und die erwähnte katastrophale Menschenführung führten somit bereits 1917 zu Gehorsamsverweigerungen und Unruhen in der Flotte. Es kam zu Festnahmen und fragwürdigen Kriegsgerichtsverfahren.

Schließlich wurden zwei Matrosen standrechtlich erschossen. Was als Abschreckung der Marineführung gedacht war, heizte die Unzufriedenheit noch mehr an.
Da die Hochseeflotte zum Ausharren in Wilhelmshaven verdammt war, verlegte die Marineleitung ihren Schwerpunkt in der Seekriegsführung auf einen erbarmungslosen U-Bootkrieg. Da auch amerikanische Schiffe wiederholt angegriffen wurden, führte diese Taktik schließlich zum Untergang des Reiches: Am 6. April 1917 traten die USA mit ihren schier unerschöpflichen Ressourcen als Antwort auf den U-Bootkrieg Deutschlands in den Krieg ein. Die Niederlage des Reiches war nur noch eine Frage der Zeit. Nach dem Scheitern einer letzten deutschen Offensive an der Westfront im August und einem Durchbruch der Entendemächte war die Niederlage eines militärisch angeschlagenen und wirtschaftlich ausgebluteten Kaiserreiches gekommen.

Als auf dem Schlachtschiff "Thüringen" alarmierende Gerüchte die Runde machen, haben die Matrosen die Nase voll. Ein Mannschaftsdienstgrad, der die Offiziere bei einem Zechgelage in der Offiziersmesse bedient hatte, hat es in Umlauf gebracht: Die oberste Seekriegsleitung will nicht im Hafen kapitulieren. Man plane - ohne das Wissen der Regierung unter Prinz Max von Baden - eine letzte große Ausfahrt mit einem "heroischen Gefecht", ja sogar Untergang der gesamten Flotte. Die Leitung der Marine hielt nicht viel von der neuen Regierung, das war bekannt.

Die Aussicht kurz vor Ende des Krieges in einem sinnlosen "letzten Seegefecht" zu sterben, löst zwischen 28. bis 30. Oktober 1918 unter den Matrosen der Hochseeflotte in?Wilhelmshaven eine Meuterei aus. Die Matrosen weigern sich auf drei Schiffen die Anker zu lichten, auf zwei weiteren kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Mannschaften und Seeoffizieren.

Das völlig überraschte und hilflose Offizierkorps verlegt in einer Panikreaktion auf den Zusammenbruch der Disziplin hin, einen Teil der Hochseeflotte nach Kiel. Man hofft, durch Landurlaub die Matrosen ablenken und beruhigen zu können. Ein schwerer Fehler, der zeigt, dass die Offiziere die Lage völlig verkennen. In Kiel angekommen, werden 50 Matrosen verhaftet.

Erste Versammlungen

Am Morgen des 1. November registriert die Kieler Polizei eine Versammlung von etwa 250 Matrosen im Gewerkschaftshaus. Man fordert die Freilassung der Inhaftierten. Die Stadtkommandantur sperrt daraufhin am 2. November das Gebäude. Ein hilfloser Versuch Ruhe herzustellen. Am Abend versammlen sich 600 Matrosen auf einem Exerzierplatz. Es wird für den Folgetag zu einer "großen Volksversammlung" aufgerufen. Die Polizei verhaftet weitere 57 Matrosen. Man verhängt einen großen Stadtalarm, der die Matrosen auf ihren Schiffen binden soll. Die meisten weigern sich und bleiben in der Stadt.

Am 3. November ab 16 Uhr versammeln sich bis zu 6.000 Menschen auf dem Exerzierplatz. Darunter auch viele Menschen aus der Zivilbevölkerung Kiels. Sie wurden durch den Stadtalarm aufmerksam auf die Sache. Redner treten auf und fordern Frieden, Freiheit und Brot. Die Menge jubelt.

Um 18 Uhr setzt sich ein Zug aus meuternden Matrosen vereinigt mit den ebenfalls kriegsmüden Werftarbeitern durch Kiel in Bewegung und fordert nicht nur das Ende des Kriegs, sondern auch tief´greifende politische Veränderungen. Im Laufe des Abends erbeuten sie ein paar Gewehre, und durchbrechen - ohne Opfer - eine Polizeisperre.

Andresen schreibt ins Tagebuch: "Mit Pfeiffen und Gejohle ging es bis zur 'Hoffnung'-Ecke Kantstraße. Dort standen etwa dreißig Unteroffiziere und Applikanten. Sie schossen auf den Zug scharf, töteten 8 Mann und verwundeten 29 Mann schwer. Der Anführer der Soldaten wurde von der Menge tötlich verletzt." Die Demonstranten trafen auf eine Ausbildungskompanie, die das Feuer eröffnet. Die ersten neun Toten der Revolution sind in Kiels Straßen zu verzeichnen.

Die Menge zerstreut sich. Stationskommandant Admiral Alfred Souchon geht davon aus, dass "die Lage bereinigt" ist. Doch schon am frühen Morgen des 4. November kommt es zu erneuten Unruhen. Die Werftarbeiter und die meisten der Marineverbände an Land schließen sich dem Aufstand an.

Die Stationskommandantur geht nun von 20.000 "Aufständischen" aus - ihnen stehen 500 Soldaten des Heeres gegenüber, die sich zum Teil dem Aufstand anschließen - und nimmt Verhandlungen auf. Die Matrosen fordern die Freilassung der verhafteten Kammeraden, eine gerichtliche Aufarbeitung der Schießerei vom Vortag und die Unterlassung eines Flottenvorstosses gegen England. Außerdem sollen sich die Heeresverbände zurückziehen.

Etwa um 21 Uhr treffen die Regierungsabgeordenten Gustav Noske und Conrad Haußmann aus Berlin ein und nehmen Verhandlungen mit dem Stationskommando auf. Vertreter der Matrosen und Politiker der USPD und der MSPD nehmen daran teil. Die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) war eine sozialistische Partei. Von Sozialdemokraten in der zweiten Hälfte des Ersten Weltkrieges gegründet, war sie eine Abspaltung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD; die sich dann MSPD nannte). In der gleichen Nacht entstehen die "14 Kieler Punkte". Sie beinhalten den Wunsch nach Frieden, Gerechtigkeit und die Abdankung des Hauses Hohenzollern.

Die Stadt Kiel ist am 5. November ganz in der Hand der Matrosen. Nach und nach wird auf allen Kriegsschiffen und Forts der Marine die rote Flagge gehisst. Hie und da gibt es Schießereien. Die heftigste findet auf dem Kriegsschif "SMS König" statt: Der Kapitän und seine Offiziere beschießen Soldaten, die die Reichskriegsflagge durch eine rote Fahne austauschen wollen. Ein Matrose und zwei Offiziere fallen dabei.

Das wichtigste Ereignis dieses Tages ist die Bildung mehrerer Soldatenräte und schließlich ein Zusammenschluss zu einem zentralen Kieler Soldatenrat.

"In Kiel ist Revolution!"

Am Abend des 5. November schreibt Andresen in sein Tagebuch: "In Kiel ist Revolution!" Ein Beleg dafür, dass die weitreichende Dimension der politischen Unruhen zu diesem Zeitpunkt schon offensichtlich waren. "Wann geht der Kaiser, fragt alle Welt", so Andresen.    

Fazit: Durch die Neuankömmlinge der Hochseeflottenschiffe verstärkt, übernahmen die Matrosen mit den Arbeitern die Kontrolle über die Stadt. Eine Nachricht, die wie ein Lauffeuer durch Deutschland ging und andernorts ebenfalls Demonstrationen und Aufstände entfachte.

Das ganze Reich wurde schließlich vom Revolutionsgedanken ergriffen. Am 9. November rief Philipp Scheidemann in Berlin die Republik aus. Der SPD-Abgeordnete Eduard David fasste knapp zusammen: "Abdankung des Kaisers. Revolution. Republik." Am 11. November kapitulierte das Deutsche Reich.

                     Martin Bek-Baier

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