Gelähmt, bedroht oder befreit?

Friedrich Veit
Friedrich Veit. Foto: Landeskirchliches Archiv Nürnberg

Die Reaktionen der Evangelischen Landeskirche in Bayern auf die Umwälzungen 1918

''Überaus Erschütterndes ist in jüngster Zeit in Bayern und in Deutschland geschehen'', so vermeldete das Rothenburger Evangelische Sonntagsblatt in seinem "Politischen Wochenbericht" zum 24. November 1918. Denn "die Revolution ist wie ein Sturm durch die Lande gebraust". Und "die weitere Entwicklung nicht abzusehen".

Ganz Bayern war in Auflösung begriffen - so musste es den Zeitgenossen erscheinen. In der Nacht vom 7. zum 8. November 1918 rief der Revolutionär Kurt Eisner den "Freistaat Bayern" aus. Der letzte bayerische König Ludwig III. floh. Wehmütig beschreibt der Präsident des Münchner Oberkonsistoriums Friedrich Veit (1861-1948) in seiner Selbstbiographie seine Stimmung: "Die dankbare Anhänglichkeit an unser Herrscherhaus, ... die Freude an unserer fröhlichen weiß-blauen Fahne bleiben mir ein stilles Heiligtum, in das ich mich immer wieder aus dem wirren Lärm des Alltags flüchte." Mit dem katholischen König war der höchste Bischof der bayerischen Protestanten plötzlich weg. Dabei hatte man sich in den vergangenen hundert Jahren gut aneinander gewöhnt.

Wolfgang Sommer, bis 2004 Kirchenhistoriker an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau, zitiert diese Biographie. Sommer hält am Mittwoch, 7. November 2018, um 17 Uhr einen Vortrag im Beringershof Ansbach in Zusammenarbeit mit dem Ansbacher Evangelischen Bildungswerk einen Vortrag zum Thema "Die bayerische Landeskirche im Revolutionsjahr 1918/19".

Wem gehorsam?

Hatte nicht der Apostel Paulus im Römerbrief eindrücklich gemahnt, der Obrigkeit untertan zu sein? Doch wie sollten die bayerischen Protestanten diesem Gebot nun nachkommen - ohne König?

Inzwischen hatten alle evangelischen Kirchen Nürnbergs in einer gemeinsamen Kanzelabkündigung reagiert. Sie ist im Korrespondenzblatt dokumentiert und von Wolfgang Sommer zitiert: "Darum fügen wir uns nicht bloß gehorsam in die neuen Verhältnisse, sondern wir wollen an unserem Teil alles tun, was der Ordnung und Ruhe in unserem Volk dienlich ist." Und weiter: "Keine Regierungsform darf sich rühmen, daß sie vor anderen die allein christliche ist, sondern die Regierungsform ist die beste, die es am meisten ermöglicht, des Volkes Bestes zu suchen, die Freiheit des Glaubens schützt und niemand hindert, auch den Christen nicht, nach seinem Gewissen zu leben, seine Glaubensgemeinschaft zu pflegen und seinem Gott und Herrn zu dienen."

Die Gemeinden wurden gebeten, "das Wohl des neuen Staates zu fördern ..., aber ebenso entschlossen, ihr gemeinsames Glaubensgut auch im neuen Staat als teures Erbe der Vergangenheit wie als eine Lebenskraft für die Gegenwart zu hüten".

Eine Minderheitenmeinung? Am 12. November ließ die Kirchenleitung, das Oberkonsistorium unter Veit, verlauten: "Wir verpflichten uns, dem Volksstaat Bayern unter Wahrung unserer Gesinnung und Überzeugung freiwillig und aufrichtig im Interesse der Gesamtheit unsere Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen. Wir sind zu diesem Entschluß veranlaßt, mit Rücksicht auf das Vaterland, das jetzt mehr als je alle Arbeitskräfte braucht."

Diese Bekanntmachung veröffentlichte auch das Rothenburger Sonntagsblatt in seiner Ausgabe zum 1. Dezember 1918. Und weiter heißt es: "Wir nehmen an, daß die Geistlichen nach dieser Stellungnahme der Kirchenleitung bereit sein werden, im Blick auf Kirche und Vaterland ihre Dienstesobliegenheiten gewissenhaft und treu fortzusetzen." Wer sollte nun überhaupt die Gehälter und Pensionen von Pfarrern weiter zahlen?

Die Erklärung fährt fort: "Eine Welt um uns ist versunken und hat vieles mit sich genommen, was uns lieb und teuer war, und eine neue Welt erhebt sich noch dunkel und nebelhaft. Aber auch sie bedarf des Evangeliums als ihres Lichtes und ihrer Kraft. Das ihr zu bieten, ist die Aufgabe der Kirche, an der diese stehen soll, so lange sie darf und so gut sie es kann. Wir bitten und ermahnen darum die sämtlichen Geistlichen ... die Geister des Mißtrauens und des Hasses ... zu bekämpfen und in Einmütigkeit brüderlicher Liebe an dem Wiederaufbau unseres schwer heimgesuchten Volkes mitzuwirken."

Zumindest hatte die Regierung Eisner Mitte November zugesichert, "die volle Freiheit der Religionsgesellschaften und die Ausübung ihres Kultus (zu) gewährleisten". Doch wie sollten bei der Trennung von Staat und Kirche Pfarrer noch die Schulaufsicht ausüben?

Dieses Problem bemerkte damals auch der damalige Dekan in Nürnberg, Friedrich Boeckh (1859- 1930), wie Sommer zeigt. Das Ende der geistlichen Schulaufsicht bedeutet für ihn, "daß 1. jede Leistung des Staates zu religiösen Zwecken fortan unterbleibt, 2. daß der Staat auf die Dienste der Kirche in allen Zweigen des staatlichen Lebens verzichtet, darum also die Entfernung des Religionsunterrichts als Pflichtfach aus allen hohen und niederen Schulen". Andererseits sah er klar die Schatten der bisherigen Verhältnisse: "Die evangelische Kirche ist dem Konflikt mit dem Staat behutsam aus dem Weg gegangen, sie hat sich dem Obrigkeitsstaat willig gefügt, dafür aber (...) wenig Dank geerntet."

Noch kritischer bewertete der Ansbacher Kirchenrat Hermann Steinlein 1918 die bisherige Kirche: "Sie steht in starker Abhängigkeit vom Staat. Sie wird dadurch nicht bloß vielfach in ihrer freien Entwicklung und Betätigung gehemmt, ja gelähmt. Sie ist vielmehr dadurch zugleich, zumal gegenüber den Arbeiterkreisen, ... belastet, eine Art von staatlicher Zwangsanstalt zum Schutze der Besitzenden zu sein."

Das sollte offenbar anders werden. Nun zeigt das Oberkonsistorium seine Bereitschaft, mit der neuen revolutionären Regierung in München zusammenzuarbeiten. In einer Bekanntmachung vom 23. November 1918, die auch im Sonntagsblatt erschien, heißt es: "Wir verkennen nicht, daß auch das stürmische Geschehen dieser letzten Zeit, so sehr es in seinem Hergange den Weisungen des göttlichen Wortes und der christlichen Erkenntnis von Untertanenpflicht und Treue widerstreitet, in Gottes Weltregierung eingeschlossen ist."

Dann fährt die Erklärung fort: "Mag das Band sich lockern oder lösen, das unsere evangelische Kirche ... mit dem Staate verbunden hat, so soll es bei jenem Bunde bleiben, der unserem deutschen Volk zum größten Segen geworden, bei dem Bund zwischen Kirche und Volk."

Dennoch: Trotz seiner anfänglichen persönlichen Wehmut arbeitete Friedrich Veit an der Neuordnung der Verhältnisse mit: Im Herbst 1920 entstand eine neue bayerische Kirchenverfassung unter seiner Federführung - und 1924 ein neuer Staatskirchenvertrag.  

                        Susanne Borée

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