Vergeblicher Traum vom besseren Menschen

Kurt Eisner
Kurt Eisner-Denkmal

Lebenslinien in Gottes Hand: Kurt Eisner und die Umwälzungen in München 1918/1919

''Wir verstehen unter Demokratie nicht, daß alle paar Jahre alle Bürger das Wahlrecht ausüben und die Welt regieren mit neuen Ministern und neuem Parlament." Das sind keine Worte von heute. Sie stammen vom 17. November 1918. Und weiter: "Wir, die wir eine neue Form der Revolution gefunden haben, wir versuchen auch eine neue Form der Demokratie zu entwickeln. Wir wollen die ständige Mitarbeit aller Schaffenden in Stadt und Land."

Es sind die Worte Kurt Eisners, der in München einen Umsturz der bestehenden Verhältnisse zu Wege gebracht hatte. Was wollte er nun? Neben parlamentarischer Demokratie gab es da ein weiteres Rezept: Räte-Demokratie. Weisungsgebundene Deputierte brachten den Willen ihrer Gruppe von unten nach oben zum Durchbruch.
Da geschieht Willensbildung in einer Gruppe und nicht eigenständig. Ein Teil der Gruppe oder der Vertreter kann vielleicht sogar die Mehrheit durch Überzeugungskraft oder Zwang dazu bringen, nicht ihre eigenen Interessen auszudrücken, sondern das, was sie wollen müssten, wenn sie anständig, vernünftig, ... oder was auch immer wären.

Dahinter steckt ein älteres philosophisches Konzept. Nein, auch erst einmal nicht der Marxismus. Es ist Jean-Jacques Rousseaus Idee vom "volonté generale": Nicht als Wille der Mehrheit, nicht als göttlicher Wille, sondern als ein am Allgemeinwohl orientierter Willen. Nur: Was ist darunter zu verstehen?

Aber: Die meisten Menschen sind bequem. Es ist ihnen zu anstrengend, ständig in einer Gruppe so zu brillieren, um andere auf ihre Seite zu bringen. Da schlägt die Stunde berufsmäßiger Vertreter. Heute heißen sie im Internet "Influencer". Denn auch das Netz erhebt den Anspruch, Interessen von Menschen zu bündeln. Aber die neue Technik hat Menschen nicht weniger beeinflussbar gemacht.

Damals, im November 1918, war der Begriff "Rat" nicht mehr unschuldig. Er war die deutsche Übersetzung der russischen "Sowjets".

Zurück zu Kurt Eisner: Er zeigt in seiner Rede vom 17. November noch so ziemlich die konkreteste politische Vorstellung. Knapp hundert Tage hatte er noch danach als erster Ministerpräsident Bayerns. Einerseits betrachtete er die Räte als eine kontrollierende Instanz, so lange das Parlament nicht gewählt war. Sie sollten die Bevölkerung zur Demokratie erziehen. Andererseits war er Schriftsteller, kein Machtpolitiker. Er sprach sich gegen Gewalt in jeder Form aus. Er mochte russische Verhältnisse nicht. Mit der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) lag er links der SPD, die parlamentarische Demokratie wollte, und rechts von den entstehenden Kommunisten.

Sein entschiedenes Sowohl-als-auch ging nicht auf. Nach wenigen Wochen hatte er so ziemlich jeden Bayern gegen sich aufgebracht. Den einen gingen seine Reformen nicht weit genug - den anderen zu weit: Den Achtstundentag und das Frauenwahlrecht setzte Eisner in Bayern durch sowie die Abschaffung der kirchlichen Schulaufsicht. So verprellte Eisner nicht nur die evangelische, sondern auch die größere katholische Kirche. Nicht besser wurde es dadurch, dass Eisner jüdischer Herkunft war.

Beamte und der Justizapparat, Industrien und Banken sollten erst einmal weiterarbeiten. Doch konnte sich niemand darauf verlassen, dass dies so bleiben würde.

Träumer oder Blockierter?

Lenin spottete einst über die Deutschen: Sie brächten keine ordentliche Revolution zustande, da sie noch beim Erstürmen eines Bahnhofs erst einmal eine Bahnsteigkarte kaufen würden, Dagegen setzt Volker Weidermann die Gegenthese: "Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen", so sein Titel über die Revolution in München. Sein Ton klingt aber teils noch atemloser als der Umsturz 1918 selbst.
Trifft das Eisner? Oder suchte er nach dem Streusand, um die Glätte am Gleis und am Steig gangbar zu machen? Offenbar hatte er aber keine Ahnung, wie es einzusetzen war. Er goss eher Öl aufs Feuer. Ein gutes Jahr nach der russischen Oktoberrevolution zeigte die Gewalt dort schon ihr Totenkopfgrinsen.  

Derweil lehnte Kurt Eisner in München Zwangsmaßnahmen gegen seine Gegner ab. Er glaubte an die Einsicht der Menschen, dem neuen Staat gerne zu dienen. "Demokratie heißt nichts anderes, als alle Kräfte entbinden, frei machen, jedem den Weg seiner inneren Fähigkeiten öffnen", schrieb er. Auf schon vorhandene Fähigkeiten von Experten - auch wenn sie nicht demokratisch gereift waren - setzte die SPD: Wochen nach dem Umsturz musste das Leben weitergehen. Viele waren ohne Arbeit und hungerten. Immer mehr Soldaten kehrten zurück.

Außerdem hatte Eisner die Reichsregierung in Berlin nachhaltig verärgert: Denn er wollte mit der Veröffentlichung geheimer Dokumente die Schuld des deutschen Kaisers am Ausbruch des Ersten Weltkriegs nachweisen. Nun war in Berlin zwar auch Kaiser Wilhelm geflohen - doch die SPD-Regierung dort folgte Eisners Meinung nicht. Damit hätte Eisner vielleicht den bayerischen Patriotismus gegen Preußen mobilisieren können. Auch das klappte nicht - schließlich stammte er selbst aus Berlin.

Am 7. Januar 1919 wollten 4.000 Arbeitslose das Sozialministerium in München besetzen. Da rief Eisner die Polizei. Sie griff gewaltsam durch, so dass die Revolutionären drei Tote und acht Verwundete beklagen konnten. Eisner ließ darauf führende Mitglieder der kommunistischen Partei kurzzeitig verhaften. Die einen verärgerte er durch sein Durchgreifen, die anderen durch das schnelle Freilassen der Funktionäre.

Fünf Tage später, am 12. Januar, waren bayerische Landtagswahlen: Eisner kam auf genau 2,5 Prozent der Stimmen. Die SPD und die konservative Bayerische Volkspartei (BVP) gewannen jeweils ein Drittel der Stimmen.

Kurt Eisner wollte zum Zusammentreten des neuen Landtages am 21. Februar 1919 zurücktreten. Dazu kam es nicht mehr. Unterwegs wurde er von dem Anhänger der rechten Thule-Gesellschaft Anton Graf Arco auf Valley ermordet. Es half nichts mehr, dass fast 100.000 Menschen Eisners Sarg folgten.

Am 7. April 1919 riefen Revolutionäre die Bayerische Räterepublik aus. Nun herrschte erst recht Chaos. Die Reichsregierung in Berlin und die ebenfalls SPD-geführte Landesregierung, die nach Bamberg ausgewichen war, rief nun Freikorps- und Reichswehrverbände nach München. Vorher hatten Rotgardisten zehn Personen aus der völkisch-antisemitischen Thule-Gesellschaft gefangengenommen und willkürlich erschossen. Die Sieger nahmen blutige Rache: Mehr als 2.200 echte und angebliche Anhänger der Räterepublik fielen ihr zum Opfer.

Bald schon ging es nicht mehr darum, das Beste im Menschen zum Durchbruch zu verhelfen, sondern das Schlechteste. 

                        Susanne Borée

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 18. November 2018:

- Auseinandersetzung mit jungen Kirchenmitgliedern stand zu Beginn der EKD-Synode in Würzburg

- Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher erblickte am 21. November 1768 das Licht der Welt

- Was steht in meinem Buch des Lebens? Eine Leitfrage für den Buß- und Bettag

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet