Welkt der Mensch nur dahin?

Brücke
Foto: Bek-Baier

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, er geht auf wie eine Blume und welkt, er flieht wie ein Schatten und bleibt.

                     Hiob 14, 1

Novembertage sind manchmal schwer zu ertragen, vielleicht deshalb wird alles getan, diese Tage und Wochen zu überspringen: aus dem goldenen Oktober hinein in die Weihnachtszeit. Und dann kommt noch dieser Bibelabschnitt aus dem Hiobbuch: Hiob beklagt die Vergänglichkeit des Lebens und ringt mit einem Gott, der ihm als Feind begegnet, der ihn ausspäht und den er bittet: "Wenn das Leben schon so kurz ist, dann Gott schau wenigstens weg und lass mich in Ruhe.“ Ohne Gott meint er glücklicher sein zu können.

Da regt sich mein Widerspruch: So wahr die Feststellung über die Vergänglichkeit ist, so sehr muss ich dem Hiob widersprechen: Ohne Gottes ständige Gegenwart glücklich zu sein, widerspricht aller Evangeliumsverkündigung oder doch nicht? Die Erfahrung der Vergänglichkeit menschlichen Lebens gehört zu den wichtigen Erkenntnissen, die die ganze Bibel durchzieht.

Dieses Wissen macht bescheiden, lässt manche Aufgeregtheit in einem anderen Licht erscheinen, lässt angesichts von Sorgen ein wenig gelassener werden: Unser Herr Jesus sagt: "Was sorgt ihr euch um den morgigen Tag. - Jeder Tag wird für das Seine sorgen."

Zum Leben gehört die Veränderung: Der Mensch blüht auf: Er wächst heran, lernt jemanden kennen, der bei ihm bleibt. Hat Kinder, die wachsen und gesund sind, irgendwann Enkel. Ist erfolgreich, sein ganzes Leben ist gesegnet. Und dann irgendwann fängt es an: die Kräfte lassen nach, man sieht es ihm an, sein Leben huscht dahin, es bleibt immer weniger von ihm übrig. Früher oder später! Das ist die Hochschule des Lebens: Der Mensch muss lernen, aufzuhören, herzugeben, loszulassen: seinen Partner, oder wie Hiob gar die Kinder - bis nichts mehr von ihm bleibt und irgendwann muss er das Leben lassen. - Der Mensch ist wie eine Blume, die welkt.

Diese Wirklichkeit wollen wir nicht wahrhaben - auch wenn der Prozess unumkehrbar ist, und früher oder später ist wirklich der Tod vor Augen. Es wirkt schon sehr schicksalsergeben: Da kann man nichts machen - das ist halt so - und es gibt sie, die Menschen, die auf diesem Weg so unendlich viel Leid und Not erlebt haben, dass sie wirkliche Hiobsexistenzen sind. Die ihren Leidensweg wie Strafe, wie Gericht über ihr Leben verstehen und dabei sich sagen: Ich habe das nicht verdient - du Gott bist ungerecht - und es bleibt die große Frage nach der Gerechtigkeit. Diese Frage durchzieht ja das ganze Hiobbuch.

Hiob ist Gott nicht losgeworden. In der Auseinandersetzung ist ihm dieser Gott dann groß geworden, dass er später sagen kann: "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt."

Das ist unsere Hoffnung: nämlich, dass dieser Gott nicht wie ein Allzeitaufpasser hinter uns herschleicht, sondern mitten in unser Leben hineingeht. Er hat sich mit dem allem solidarisiert. Gott wird Mensch. Es ist der Gott, der in Jesus Christus das Leid, die Not, die Vergänglichkeit des Lebens auf sich nimmt und das Leben vollendet, wo wir das Ende sehen. So sind die kommenden Wochen dann auch die Lichtquellen des Lebens: Gott kommt zu uns und bleibt bei uns, auch wenn einem alles vergeht.

                  Hermann Rummel, Dekan in Wassertrüdingen

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