Was habe ich damit zu tun?

Inge Wollschläger
Inge Wollschläger

Anfang November ist die Zeit, in der die sozialen Medien und Zeitungen gut gefüllt sind: Vor 80 Jahren brach in der "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 offene Gewalt gegen Juden aus, staatlich inszeniert, verübt nicht nur von fanatischen Nationalsozialisten, sondern auch von ganz normalen Menschen, die zuvor freundliche Nachbarn und friedliche Mitbürger waren. Ich lese oft in den Kommentaren unter diesen Artikeln: "Was haben wir denn heute damit zu tun? Ich bin unschuldig - ich war schließlich nicht dabei!"

Das mag richtig sein - und auch falsch. Natürlich trifft nachfolgende Generationen keine Schuld an den Verbrechen der NS-Zeit. Aber: Wir haben es in der Hand, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Es ist meines Erachtens unsere Pflicht, sich auszukennen, Berichte zu lesen, Zusammenhänge zu erkennen und aufmerksam zu sein. 80 Jahre später sind wir offensichtlich wieder an einem Punkt in der Geschichte angelangt , in der es nicht mehr schlimm zu sein scheint, Juden öffentlich zu attackieren, zu diffamieren oder seinen Judenhass der Welt mitzuteilen.

Da werden Männer mit Kippa auf offener Straße verprügelt, jüdische Mitschüler ausgegrenzt und angegriffen oder es geschieht wie in Chemnitz ein Angriff von Neonazis auf ein jüdisches Restaurant. Jüdische Mitbürger scheinen nicht mehr sicher zu sein - wie Juna Grossmann es oft schon erlebt hat.

Über den Schmerz der Hinterbliebenen schreibt Elke Haberfeld. Ihr Vater war ein Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz. Aufgewachsen war er in einem Ort in Polen. Mit anderen Hinterbliebenen aus vielen Teilen der Welt war sie im Sommer angereist, um nach Spuren ihrer Vorfahren zu suchen. Sie fand:  wenig.  Jüdisches Leben findet dort nicht mehr statt.  Die Spuren lassen sich - dank Gedenktafeln - erahnen. Nie wieder darf ein solches Verbrechen erneut geschehen. Nie wieder darf man wegschauen, wenn andere Menschen offene Gewalt - in Worten und Taten - gegen ihren Nächsten erfahren. Juna Grossmann setzt auf Aufklärung und Versöhnung. Gleichzeitig sitzt sie dennoch auf "gepackten Koffern". Denn Wissen, Aufklärung und Versöhnung muss man wollen und sich dafür einsetzen. Möge es eine Wende geben, damit sich Geschichte nicht wiederholt.                

Inge Wollschläger

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