''Meine Tochter trage ich immer bei mir''

Conny Schieder
Conny Schieder. Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand: Conny Schieder geht einen langen Weg nach stiller Geburt

Ein halbes Jahr ungefähr gab es für sie keine Sonne: Conny Schieders zweite Schwangerschaft nahm vor drei Jahren, am 29. Oktober 2015, einen dunklen Ausgang. Ihre zweite Tochter Lotta erblickte im Südklinikum in Nürnberg nie das Licht der Welt. "Spontane Plazenta-Ablösung" lautete die Diagnose. Conny Schieder war bereits in der 33. Schwangerschaftswoche. Ihre Tochter wog 1.700 g und maß 42 Zentimeter. Die Mutter selbst verlor bei der Geburt gefährlich viel Blut. Daher konnte sie nur mit Mühe etwas eineinhalb Wochen später an der Beerdigung teilnehmen. "Aber es war mir wichtig, selbst ans Grab laufen zu können."

"Natürlich schien auch im Winter vor drei Jahren immer mal wieder die Sonne", weiß die 32-Jährige heute. Verwandte und Freunde riefen ihr das in dunklen Tagen immer wieder in Erinnerung. Die damalige Vikarin aus Winkelhaid südöstlich von Nürnberg musste sich mit einem Mal auch fragen, ob sie ihren Beruf ausüben kann. Es war für sie lange nicht denkbar, Taufen und Beerdigungen zu halten. Und: "Wie kann ich Gottesdienste für Heiligabend gestalten, wenn alle sich an einem Baby freuen?"

Auch das Singen war ihr für lange Zeit vergangen. "An der Beerdigung selbst habe ich noch gesungen. Das hat mir viel Kraft gekostet." Und dann waren die Lieder in der musisch und künstlerisch begabten Theologin für lange Zeit verstummt.
Nur das Gerüst der Liturgie gab ihr nach und nach wieder Halt. "Diese Melodien und Texte sind mein Zuhause." Und dann die Lieder Paul Gerhardts: "Er hatte ja auch Kinder zu Grabe tragen müssen."

Die wichtigste Stütze ist für Conny Schieder ihr Mann Tobias. Auch wenn sie weiß, dass sie an ihre gemeinsame Tochter ganz unterschiedliche Erinnerungen haben und ganz unterschiedlich trauern müssen.

Gott war für die trauernde Mutter ganz weit weg. Nicht einmal anklagen konnte sie ihn. Wie also in Zukunft predigen? Ihr damaliger Mentor Stefan Gehrig machte ihr immer wieder Mut: "Sag den Menschen das, was du ehrlich sagen kannst." So ermunterte er sie Schritt für Schritt, auch ihre Zweifel an Gott vor der Gemeinde auszusprechen.

Dabei entstammt Conny Schieder einer Pfarrersfamilie. Ihr Großvater Ernst Seyler war bereits Pfarrer, der Vater Helmut Müller Dekan. Und trotzdem erwog Conny Schieder immer wieder den Beruf als Pfarrerin aufzugeben: vielleicht Schreinerin zu werden. Diese Arbeit lag ihren Händen.

Ein selbst gezimmerter Tisch und kreative Regale in denen längst verstaubte Bücher den tragenden Grund für neue Inhalte geben, finden sich auch heute noch in ihrer Wohnung. Beim Trauern geholfen hat ihr auch, dass sie eigenhändig den Grabstein für ihre Tochter Lotta behauen konnte, wobei ihr ein befreundeter Steinmetz half und sie stützte. So viel Energie, die anders keinen Ausweg fand, konnte sie beim Schlagen des Steines loswerden.

Conny Schieder übernahm Schritt für Schritt ihre Aufgaben als Vikarin in der Gemeinde wieder. Lange krankgeschrieben sein wollte sie damals nicht. Herumsitzen und versinken in der Traurigkeit - das ging für sie gar nicht. Ihr Mann schrieb während dieser Monate an seiner Promotion und war darum viel zuhause. Aber auch ihre Eltern, Geschwister und engen Freunde stützen sie. "Ohne all diese Menschen um mich herum, hätte ich all das nicht aushalten können."

Auch ihre ältere Tochter Laila half ihr. Sie war damals zweieinhalb Jahre alt. Mit ihr zusammen entdeckte Conny Schieder nach Monaten wieder das Licht. Mutter und Tochter betrachteten damals gemeinsam eine Diskokugel, die das Sonnenlicht zu unzähligen bunten Punkten auf der Wand brach.

Regelmäßig fuhr Conny Schieder nach Nürnberg zu einer Rückbildungsgruppe, die nur für Mütter nach einer stillen Geburt ist. Schließlich war das auch für ihren Körper wichtig. Still und traurig war es in dieser Gruppe. "Uns alle verband eine Erfahrung, die andere nicht im Ansatz kennen und ein ganz trauriges Schicksal." So bleiben sie zusammen, um sich gegenseitig zu stützen. Lange noch trafen sie sich und sind immer noch miteinander in Kontakt.

Täglich war die Vikarin von Winkelhaid auf dem Friedhof zu finden. "Ich war unruhig, wenn ich einmal nicht da war." Heute trennen sie knapp 60 Kilometer vom Grab ihrer Tochter. Weil eben alles weitergehen musste und Conny Schieder viel Unterstützung vom Mentor und auch vom Predigerseminar erfuhr, konnte sie ihr zweites Examen ganz normal angehen. Auch, obwohl sie sich erst danach traute selbst Beerdigungen zu halten. Nun teilt sie sich seit einem halben Jahr die vierte Pfarrstelle in Gunzenhausen mit einem befreundeten Kollegen. Für sie war der Umzug "wie ein Nachhausekommen". Ihre Eltern leben nicht weit entfernt. Und ihr Mann kann auch von dort nach Nürnberg pendeln.

"Meine Tochter trage ich immer bei mir" - als Medaillon um den Hals. Und ihre Tochter Laila sagte einmal: "Vielleicht ist es mit Lotta wie mit dem Mond. Man kann ihn von überall sehen." Solche Sätze einer starken Tochter helfen dabei auch einmal einfach und nicht so kompliziert über manches nachzudenken.

In den Garten ihres neuen Zuhauses hat die Familie einen Sommerflieder gepflanzt. Den ganzen Sommer über schwirrten Schmetterlinge um ihn herum - für Conny Schieder ein wichtiges und tiefes Symbol für ihre verstorbene Tochter.

Immer wieder kommen traurige, dunkle Phasen. Aber ihr Partner, ihre Familie und enge Freunde können sie dann daran erinnern, dass auch wieder die Sonne herauskommt. "Extrem traurig" wird sie immer in den Wochen um Lottas Geburtstag. "Und die Wochen vor Ostern fallen mir schwer." Aber sie weiß sich in den Gebeten ihrer Mitmenschen gehalten. "Es hilft mir zu wissen, dass andere beten, wenn ich selbst keine Worte mehr finde."

"Mit meinem Schicksal gehe ich sehr offen - hoffentlich nicht aufdringlich - um." Wenn Menschen sie fragen, wie viele Kinder sie hat, antwortet sie immer, dass sie zwei Töchter habe - auch wenn eine nicht da ist. Allerdings "erlebe ich, dass viele Frauen aus älteren Generationen, aber auch in meinem Alter, Ähnliches erlebt haben, aber sich nie getraut haben, darüber zu sprechen."

"Für mich wäre es das Schlimmste gewesen, wenn ich all das hätte allein durchstehen müssen und wenn ich mit niemandem darüber hätte sprechen dürfen." Conny Schieder will von ihrer zweiten Tochter, von Lotta, erzählen. Aber nicht um des Berichtens willen, sondern um anderen Mut zu machen darüber zu reden und von ihren "Sternenkindern", wie man sie oft nennt, zu erzählen. "Denn sie gehören, wie alle Kinder, zu unserem Leben dazu und sind Teil unserer Herzen."

Inzwischen hält Conny Schieder "wahnsinnig gerne Gottesdienste": Dort kann sie aber nur darüber predigen, was in ihr selbst nachklingt. Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem Kinder- und Familienarbeit. Daran hat sie wieder Freude. Für Conny Schieder bedeuteten die vergangenen drei Jahre "einen langen Weg zurück ins Leben und in den Beruf als Pfarrerin, die beerdigen, taufen und vor allem Menschen von der Liebe Gottes erzählen darf".

               Susanne Borée

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