Gott besucht sein Volk

Brücke
Foto: Bek-Baier

Und sein Vater Zacharias wurde vom Heiligen Geist erfüllt, weis­sagte und sprach: Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils im Hause seines Dieners David ... Und du, Kindlein, wirst Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden,  durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

                     aus Lukas 1,67-79

Gott hat sein Volk besucht! Diese Aussage steckt voller Nähe und großen Erwartungen. Besuche sind in unserem menschlichen Leben ja auch etwas Besonderes. Man verabredet sich, bereitet sich vor, und je näher der Zeitpunkt des Besuches kommt, desto mehr steigt die Spannung. Wenn es dann soweit ist, bietet die gemeinsame Zeit viele Möglichkeiten des Austausches. Man sitzt zusammen, erzählt sich gegenseitig seine Geschichte und lernt sich so besser kennen. Man nimmt aneinander und an dem, was uns gerade im Leben beschäftigt, Anteil. Wir teilen uns mit in dem, was uns freut oder auch was uns Leid verursacht.

Gegenseitige Besuche spielen auch eine zentrale Rolle in den weltweiten Beziehungen unserer Kirche. Partnerschaftsgruppen begegnen einander hier oder in einem anderen Land. Delegationen der Kirchenleitung besuchen sich gegenseitig und tauschen sich aus.

Zunächst einmal geht es darum, sich gegenseitig kennenzulernen und voneinander zu lernen. Je mehr ich mir Zeit nehme, mein Gegenüber kennenzulernen, desto weniger ist mir sein Schicksal und das, was ihn bewegt, egal. Es passiert nicht selten, dass ich anfange, mich mit ihm oder ihr zu identifizieren. Oft wird dies mit dem Begriff „Solidarität“ beschrieben. Es geht dabei nicht um die großen Worte, sondern um eine Haltung und ein wachsendes Verständnis füreinander. Es geht um ein Mitfühlen, Mitleben, Mitleiden, Mitfreuen.

In den vergangenen Jahren haben wir gesehen, dass ehrenamtliche Helferinnen und Helfer bei der Unterstützung von Geflüchteten nicht selten aus den kirchlichen Partnerschaftsgruppen kommen. Durch ihre eigenen Erfahrungen aus den Begegnungen mit anderen haben sie Verständnis für die Situation der Menschen, die aus anderen Kulturen und Kontexten in unser Land kommen. Sie können sie verstehen - auch wenn sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Sie können mitfühlen, nachempfinden und sich mit ihnen solidarisieren. Das Gefühl des Fremdseins kennen sie aus den Partnerschaftsbesuchen!

Besuch, das ist auch der Leitbegriff im Lobgesang des Zacharias angesichts der Geburt seines Sohnes Johannes. Wie eine Klammer umschließt dieses Wort den Jubel des alten Mannes: Durch die Geburt des kleinen Jungen, der später als Johannes der Täufer bekannt werden würde, hat Gott seinen Besuch bei den Menschen angekündigt. Dieser Besuch wird weitreichende Konsequenzen ha-
ben. Denn indem Gott sein Volk besucht, solidarisiert er sich mit uns Menschen. Unser Leid und unser Schicksal sind Gott nicht gleich-gültig. Gott selbst wird zu uns
Menschen kommen und mit uns mitfühlen, mitleben, mitleiden und mitfreuen - er wird selbst Mensch.

Auf diesen Besuch Gottes bei uns Menschen bereiten wir uns in der Adventszeit vor. Denn wir spüren, dass wir ihn genauso nötig haben wie damals. Wie sehr sehnen wir uns nach dem Licht, das unsere Füße auf den Weg des Friedens leitet.

                  Direktorin Gabriele Hoerschelmann und

                  Direktor Hanns Hoerschelmann, Mission EineWelt, Neuendettelsau

 

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