Raum für Hoffnung inmitten des Hasses

Pfarrer Mofid Karajili
Pfarrer Mofid Karajili. Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand: Evangelischer Pfarrer Karajili harrte im syrischen Homs aus

Sein Ziel ist Aleppo: In der zerstörten nordsyrischen Stadt tritt Mofid Karajili im Dezember seine neue Stelle an. Der evangelische Pfarrer will dort gerade Kindern und Jugendlichen eine neue Zukunft geben. Von der Sonntagsschule für Kindergartenkinder bis zu Gruppen für Studierende setzt er dort ab Dezember Hoffnungszeichen.

Damit kann er an Aufbauarbeit anknüpfen, mit der er bereits in den vergangenen Jahren an seiner alten Pfarrstelle im westsyrischen Homs gute Erfahrungen gesammelt hat: "Space for Hope" - Weiter Raum für Hoffnung, so nannte er das Projekt. Damit sammelte der nun 38-jährige Pfarrer Jugendliche aller Religionen und Konfessionen. 22 junge Erwachsene betreuen die Kinder- und Jugendgruppen. Drei Fußballteams gibt es, zwei Basketballgruppen oder Treffs für Mädchen: In jedem Team müsse es gleichzeitig junge Christen, Sunniten und Aleviten geben. "Gewinnen sie, so gewinnen sie gemeinsam", erklärt Mofid Karajili. "Oder sie verlieren gemeinsam."

Ende Januar 2012 hielt der Pfarrer seinen Antrittsgottesdienst in der reformierten Kirche in Homs. Es war auch zugleich sein letzter Gottesdienst dort - für quälend lange Monate. Die Stadt stand plötzlich im Zentrum heftiger Kämpfe. Die Front teilte seine Gemeinde. Die Kirche lag in einem Gebiet, das islamistische Rebellen kontrollierten. Mofild Karajili fand Zuflucht im Altenheim der Gemeinde. Es lag nur etwa 700 Meter von dem Gotteshaus entfernt - und doch in einer anderen Welt. Denn diesen Teil der Stadt kontrollierte Assads Armee.

Vom Dach des Altenheims konnte der Pfarrer seine Kirche sehen. Dabei musste er sich sehr in Acht nehmen: Überall lauerten Scharfschützen. Das Kirchendach war bald von Geschossen durchlöchert. Im stabilen Kellergeschoss der Kirche "hatten die Islamisten ein Rekrutierungsbüro eingerichtet", berichtet Karajili.

In direkter Nachbarschaft der evangelischen Kirche von Homs befindet sich ein Konvent der Jesuiten. Der 75-jährige holländische Pater Frans van der Lugt weigerte sich, das Kloster zu verlassen. Schließlich wurde er zusammengeschlagen und exekutiert.

Im evangelischen Altenheim blieben 23 der 47 Bewohner direkt hinter der Frontlinie. Unter ihnen gibt es ebenfalls sowohl Christen als auch Muslime - das gehörte zu den Grundsätzen. Einige der Gemeindemitglieder Karajilis sammelten sich dort. Ab April 2012 konnte er dort sonntags Gottesdienste halten. Dann fuhr er in die Dörfer rund um Homs. Dort hatten weitere Gemeindemitglieder Schutz gesucht. Seine Frau lebte derweil in Damaskus.

Anfang Mai nahmen Regierungstruppen wieder ganz Homs ein. Mofid Karajili sah erstmals wieder seine Kirche aus der Nähe: Das Dach war inzwischen gänzlich zerstört, der Kirchsaal verwüstet und geplündert, das Rekrutierungsbüro verschmutzt. Während er die Fotos zeigt, hält sich der Pfarrer noch heute unwillkürlich die Nase zu: "Das stank so."

Neuanfang aus dem Nichts

Dann fasst er zusammen "Wir hatten noch Glück gehabt." Andere Kirchen in der Altstadt von Homs waren gänzlich zerstört. Zehn christliche Gotteshäuser und rund 60.000 Christen unterschiedlicher Richtungen lebten dort vor dem Bürgerkrieg. Jetzt sollen es noch etwa 12.000 sein. Von den anderthalb Millionen Einwohnern der Stadt lebt wohl noch etwa eine Million dort.

Die Islamisten zogen sich nach Norden Richtung Idlib zurück. Das ist für Mofid Karajili ebenfalls kein bloßer Name. Seine erste Pfarrstelle befand sich dort. Inzwischen sei die Gemeinde wohl ausgelöscht, glaubt er. Er hat gehört, wie einigen ehemaligen Gemeindemitgliedern unter dramatischen Umständen die Flucht gelang. Viele andere überlebten nicht.

In Homs setzte die Gemeinde mit internationaler Hilfe auch des Gustav-Adolf-Werkes ihre Kirche wieder instand. Am Heiligabend 2015 konnten sie dort ihren ersten Gottesdienst halten. Im Keller ist eine Bibliothek entstanden. Nun leben in Homs erneut 500 Gemeindemitglieder. Viele sind aus den Dörfern zurück. Es fehlt aber an Arbeit.

Die evangelische Schule in Homs ist nun mit 1.500 Schüler aller Religionen voll besetzt. Unter ihnen sind allerdings "höchstens 25" Kinder aus der eigenen Gemeinde, so Karaljili. Doch sie kann wieder an eine stolze Tradition anknüpfen: Seit Mitte des 19. Jahrhundert besteht sie: Und sie hat einen guten Ruf - mehr noch als die ohnehin gut angesehenen Privatschulen in Syrien. Hinzu kommt noch, dass die Kinder nur 150 Dollar jährlich als Schulgeld bezahlen müssen.

Jahrelang konnten wegen des Bürgerkrieges in Syrien mindestens in einem Drittel der Schulen kein Unterricht mehr stattfinden. Da bleibt wohl eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen mit sehr lückenhafter Schulbildung zurück. Und 60 Prozent der Krankenhäuser sind wohl zerstört.

Daneben sind ungefähr 60 Prozent der ehemals 13 Millionen Syrer ins Ausland geflohen. Gerade die jungen Männer zwischen 19 und 40 Jahren haben Syrien verlassen - um keinen Militärdienst bei keiner der Kriegsparteien leisten zu müssen. Etwa eine Million sei in Europa, schätzt Mofid Karajili. Vor 2011 stellten die Christen meist orthodoxer oder armenischer Ausrichtung zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung. Außerhalb von Homs, Aleppo und Damaskus gibt es vor allem drei evangelisch-reformierte Gemeinden in den Kurdengebieten des Nordostens. Eine Gemeinde dort in Al-Hasaka wird von einer Pfarrerin geleitet.

Seine politische Meinung äußert Karajili offen: "In der islamischen Welt meint Demokratie nicht Freiheit. Hier meint Demokratie, dass die Religion der Mehrheit regiert - und sie ignorieren die Minderheiten." Er hält gerade Gebiete für Christen sicher, die von Assad kontrolliert werden - schließlich würde er als Alevit selbst einer Minderheit angehören.

Überdurchschnittlich viele Christen seien jedoch während des Bürgerkrieges aus Syrien geflohen. Der Pfarrer glaubt nicht, dass sie jemals wieder zurückkehren - egal, wie sich die Lage dort entwickle. Gerade Syrer christlicher Herkunft stellten einst weite Teile der Gebildeteren. "Sie können sich besser integrieren."

Auch Karajilis Eltern oder Geschwister sind längst schon in Deutschland, Schweden oder der Schweiz. Sie konnte er nun vor seinem Neuanfang in Aleppo besuchen. Etwa vier Wochen lang war Mofid Karajili auf Einladung des Gustav-Adolf-Werkes in Deutschland - auch in Nürnberg. Dann kehrt er  zurück - obwohl die Vielfalt der Religionen, die einst im Land herrschte, wohl für immer unter gegangen sei. Die Versuchung wäre da, einfach hierzubleiben, gibt er zu. Aber zu Hause wird er gebraucht, "um Brücken zu bauen und Menschen aufeinander zu verweisen". Er hat das Ziel, dies auch im zerstörten Aleppo weiterzuführen. 

               Susanne Borée

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