Gebets-Sonntag als Erinnerung: Du musst nicht alles allein sortieren

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Inge Wollschläger im Editorial für das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Inge Wollschläger über das Beten zum Sonntag Kantate

Ich habe neulich mit jemandem gesprochen, der betet nicht. Also wirklich gar nicht. „Wozu auch?“, hat er gesagt. „Ich bestell ja auch keinen Kaffee, wenn ich nicht weiß, ob jemand im Laden ist.“ Das klingt erst mal logisch.

Und trotzdem: Irgendwas machen wir doch alle. Wir murmeln in uns hinein, wir schicken Gedanken los, wir hoffen und sagen Sätze wie: „Bitte lieber Gott!“– auch wenn der ein oder andere gar nicht an Gott glaubt. Doch meistens wird dieses „Selbstgemurmel“ nicht Gebet genannt. Vielleicht, weil uns das Wort zu groß vorkommt. 

Der Sonntag heißt Rogate – lateinisch für „Betet“ – weil die Sonntage im Kirchenjahr nach alten Stichworten benannt sind, die wie kleine Erinnerungen durch die Wochen führen. Übersetzt heißt es „Betet!“ Klingt wie ein Befehl aus einer anderen Zeit. Als ob man sich für ein richtiges Gebet hinsetzen müsste, Hände falten, Blick gen Himmel – und dann bitte ordentlich formulieren. Mit Einleitung, Mittelteil und Schlusssegen. Aber so funktioniert das ja nicht.

Beten ist oft eher wie ein unaufgeräumter Küchentisch. Da liegt alles durcheinander: Dank, Ärger, Sorge, manchmal auch nur ein „Puh“. Und vielleicht braucht es auch nicht mehr. Keine fromme Hochsprache. Kein perfekter Satzbau. Eher so ein inneres „Hier bin ich. Und das ist gerade los. Mir fehlen die Worte.“

Vielleicht ist manchmal Beten auch das, was wir tun, ohne es zu merken: Wenn wir jemandem die Daumen drücken. Wenn wir nachts wach liegen und an einen Menschen denken. Wenn wir im Stillen hoffen, dass ein Gespräch gut ausgeht. 

Ich glaube, oft machen wir es uns zu kompliziert. Dabei ist Beten erstaunlich bodenständig. Wie ein kurzer Blick nach innen. Oder nach oben. Und dann gibt es ja diese Momente, in denen Worte sowieso nicht reichen. Da sitzt man einfach da. Schweigt. Und irgendwie ist auch das schon genug.

Vielleicht ist „Rogate“ gar keine Aufforderung, jetzt besonders viel zu beten. Sondern eher eine Erinnerung: Du musst nicht alles allein sortieren. Du darfst es irgend­wohin sagen. Wie ein Gedanke, den man nicht festhalten muss. Manchmal hilft es einfach, nicht alles nur mit sich selbst auszumachen. Und wer weiß – vielleicht ist das ja schon der Anfang.