Editorial: Der Dankbarkeit Platz einräumen

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Inge Wollschläger Editorial Hintergrundbild Kraus

Wann haben Sie zuletzt gedankt, liebe Leserinnen und Leser? An Erntedank, dass nun schon wieder ein paar Wochen zurückliegt? Vor oder nach dem Essen? Dem Nachbarn, weil er ein Päckchen angenommen hat, als Sie nicht zuhause waren?

Sind Sie dankbar für das, was Sie haben? Und wenn ja: verleihen Sie dem auch regelmäßig Ausdruck? Ich frage deshalb so „hinterhältig“, denn eine nicht repräsentative Umfrage in meinem Bekanntenkreis hat gezeigt: Sie halten sich alle für sehr dankbar, konnten sich aber nicht mehr so recht daran erinnern, wann sie genau wem und wofür gedankt haben. 

Vielleicht liegt es ein wenig auch an der Evolution: Vor vielen Millionen Jahren war es schlauer zu wissen, woher und wann der gefährliche, hungrige Tiger kommt. Überleben war wichtiger, als dankbar über einen gefunden Pilz innezuhalten. 

Diese Struktur scheint in unseren Gehirnen immer noch Platz zu haben. Wir sind eher damit beschäftigt, darüber nachzudenken, was schlecht läuft oder woher eine mögliche Bedrohung herkommt. Das allerdings bringt uns dazu, dass wir uns mehr darum kümmern, was schlecht läuft, anstatt das Gute wahrzunehmen. Ein gebrochenes Herz schmerzt mehr und tiefer als ein von Freude und Liebe gefülltes.

Diesen Mechanismus jedoch kann man mit Dank „unterbrechen“. Dankbarkeit hilft Menschen, mehr positive Gefühle wahrzunehmen, schöne Erlebnisse bewusst zu genießen und mit Schwierigkeiten besser klarzukommen. Die Menschen der Bibel wussten das. Es gibt viele Stellen, in denen von Dankbarkeit zu lesen ist. „Freut euch allezeit. Sagt Dank in Verbindung mit allem“, heißt es im 1. Thessalonicher Brief. 

Freude und Dank und die da-raus resultierenden gute Gefühle kann man üben, in dem man sie sich bewusst macht. Es ist eine Wahl, die wir treffen können. Indem wir den Fokus darauf legen, was wir haben werden wir erwiesenermaßen glücklicher und zufriedener. 

Freunden zu danken, erfreut deren Herz. Zu merken, was man alles hat, lässt einen den ungeheuren Reichtum erspüren, der einem geschenkt wurde. 

Dankbarkeit ist das größte Gebet zu Gott. Seine Werke sind wunderbar gemacht.