Gegenseitige Verbundenheit im Lernen

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Inge Wollschläger im Editorial für das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Inge Wollschläger

„Heieiei!“, raunte mein Kollege mir zu. Gemeinsam wollten wir an diesem Nachmittag ein Seniorentreffen zum Thema „Meditation“ gestalten. Doch zuerst waren wir in eine katholische Andacht eingeladen. Wir beobachteten, wie der Priester den Altar küsste und alle das Knie beständig beugten – Riten, die uns fremd waren. In den Sitzbänken verteilt saß unser zukünftiges „Publikum“. Sie machten alle einen gottesfürchtigen und fitten Eindruck beim beständigen Auf und Nieder im Gottesdienst. 

Mit ihnen würden wir also nach Schlussgebet und Kaffeestunde über „Stille“ reden. Wir würden uns gemeinsam im Geiste auf eine Phantasiereise begeben und vielleicht auch alte Emotionen durch Schütteln des Körpers lösen. Unser Vorhaben schien so gar nicht zu diesen Menschen zu passen. 

Der Nachmittag begann – und fast zwei Stunden später gingen der Kollege und ich über das ganze Gesicht strahlend zurück zum Auto. All unsere Befürchtungen hatten sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: So einen schönen Nachmittag und so aufmerksame Senioren und Seniorinnen hatten wir selten erlebt:

Sie alle kannten Gedankenkarussells, die sich nicht stoppen ließen. Und sie fanden die Möglichkeit, etwas zu finden, was dieses anhalten könnte, ganz hervorragend. Bei der Phantasiereise seufzte der ein oder andere andächtig. Es war förmlich zu spüren, wie sie es in Gedanken genossen, mit nackten Füßen über einen weichen Waldboden zu laufen. 

Zum Schluss saßen 25 alte Menschen auf ihren Stühlen und schüttelten sich wie ein Hund, der in den Bach ihrer Phantasiereise gefallen war. Dann saßen wir mehrere Minuten schweigend „in Stille“.

Ich war in diesem Augenblick mehr mit diesen Menschen und auch Gott verbunden, als je in einem Gottesdienst. Wir hatten gemeinsam– so fühlte es sich an – eine Raum der Gegenwart Gottes betreten. Wir hatten voneinander gelernt: Wir hatten den Menschen eine bisher unbekannte Praxis der Mediation beigebracht. 

Sie allerdings hatten uns – die wir ihre Kinder oder vielleicht auch schon Enkel sein könnten – noch viel mehr beigebracht: Das man – egal wie alt jeder ist – sich immer wieder für Neues und Unbekanntes interessieren kann. Wie Offenheit auf allen Seiten das Miteinander leicht und vertraut macht. Sie waren Rollenmodelle für das Alter an diesem Nachmittag für uns.