Hundert Jahre und immer neue Fragen

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Nadja Bennewitz bei ihren Forschungen zum 90. Jubiläumsfest der Evangelischen Frauenarbeit in Bayern, Evangelisches Sonntagsblatt.
Nadja Bennewitz bei ihren Forschungen zum 90. Jubiläumsfest der Evangelischen Frauenarbeit in Bayern. Foto: Borée

Evangelische Frauenarbeit in Bayern feiert ihr rundes Gründungsjubiläum

„Demütig“ ­– so Nadja Bennewitz – war die Haltung der allermeisten evangelischen Frauenverbände gegenüber der Kirchenleitung. Sie vernetzten sich am 2. Februar 1920 als „Vereinigung evangelischer Frauenverbände Bayerns“ (EFB) in Nürnberg. Nun, am 2. Februar 2020, feiern sie ihr hundertjähriges Bestehen mit einem Festprogramm in der Nürnberger St.-Martha-Kirche. Das Fest beginnt mittags mit einem Gottesdienst mit Bischöfin Beate Hofmann aus Kassel und endet mit einem Kabarettauftritt von Inka Meyer.

Bereits zum 90. Geburtstag vor zehn Jahren folgte die Historikerin Nadja Bennewitz akribisch den Spuren der „Evangelischen Frauenarbeit Bayern“ (wir berichteten auch damals). 16 gut gefüllte Ordner mit Sitzungsprotokollen oder Dokumenten über langatmige Gremienarbeit pflügte sie dabei durch.

Nadja Bennewitz. Foto: Archiv Borée

An der Gründung des Dachverbands war ein halbes Dutzend teils deutlich älterer Frauenvereine beteiligt: Der Bayerische Landesverband des Deutschen Evangelischen Frauenbundes, der Bayerische Landesverband des deutschen Nationalvereins der Freundinnen junger Mädchen, der Verband der evangelischen weiblichen Jugend in Bayern, der Landesverband evangelischer Arbeiterinnenvereine Bayerns, der Verband evangelischer Wohlfahrtspflegerinnen in Bayern und der Verband der Bayerischen Gustav-Adolf-Frauen- und Jungfrauenvereine. Das Diasporawerk etwa entstand bereits mitten im Revolutionsjahr 1848, die angeschlossene Frauenarbeit 1864.

Zunächst eher rückwärts gewandt war der Dachverband bei seiner Gründung im Jahr 1920. Die Niederlage Deutschlands, der Sturz des Kaiserreiches und der Monarchie in Bayern bedeutete für viele einen Schock – besonders auch für gut situierte Frauen protestantischer Prägung, die damals ehrenamtliches Engagement trugen. Mehr noch: „Die Grundstimmung war nationalistisch fast völkisch“, so Bennewitz

So ging’s hinein ins Dritte Reich. Magdalene von Tiling, Vorstandsvorsitzende der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland, erkannte bereits 1933 hellsichtig die Gefahren der Gleichschaltung. Um dem zu entgehen, konnten sich die Verbände noch rechtzeitig ihren Landeskirchen unterstellen und so ihre Interessen wahren. „Die innerkirchliche Kritik an dem NS-System und die innere Ablehnung der NS-Ideologie wuchsen erst im Verlauf der Folgemonate und Jahre“, ergänzt die Historikerin Nadja Bennewitz.

Wie geht es weiter?

Nach dem Krieg stand nun drängend die Frage im Raum, in welcher Weise sich die Evangelische Frauenarbeit in Bayern neu aufstellen wollte und konnte. Die Verbände begründeten sich neu und wollten zukünftig wacher sein.

Viele Frauen waren nach dem Krieg alleinstehend oder mussten allein ihre Kinder durchbringen. Die Berufstätigkeit der Frauen war in den 1950er Jahren vielfach nicht erwünscht, aber unverzichtbar.

Immer mehr Risse sprangen auf, die auch für die Evangelische Frauenarbeit zu Herausforderungen wurden: Sollten Frauen die Mitglieder der Landessynode mit wählen können? Und war es nicht unbiblisch, dass sie sogar dort mitarbeiteten? Wenn schon, dann käme nur eine Diakonisse oder – ganz konträr dazu – eine „ältere, verheiratete Frau“ dafür in Frage, so ein Sitzungsprotokoll der Evangelischen Frauenarbeit von 1952. Erst 1958 gelangten zwei Frauen in die Landessynode. Bereits drei Jahre zuvor gab es eine Abgesandte aus der Evangelischen Frauenarbeit im Rundfunkrat.

Bereits 1938 hatten Liesel Bruckner und Ilse Hartmann den „Konvent der Evangelischen Theologinnen“ begründet, der ebenfalls Mitglied in der EFB wurde. Schon damals durften Frauen zwar dies Fach studieren, doch konnten sie sich danach bestenfalls um eine Anstellung als Religionslehrerin bewerben. Immer weniger ließ sich die Frage überhören: Können Frauen als Diakoninnen oder gar als ordinierte Pfarrerinnen wirken? Erst 1975 führte die Evangelisch-Lutherische Kirche die Frauenordination ein – das Vetorecht von Pfarrern dabei wurde erst 1997/98 abgeschafft.

Drängende neue Fragen

Immer weitere Fragen drängten in den Vordergrund: Wie lassen sich ledige Mütter oder Frauen, die an eine Abtreibung denken, unterstützen? Ist es möglich, beim Weltgebetstag „Mutter Erde“ anzurufen? Welche Rolle haben Väter für die Kindererziehung? Nichts war mehr selbstverständlich – und der ­Frauenverband deckte die ganze Spannbreite kirchlichen Engagements von Frauen ab.

Die Evangelischen Frauen in Bayern sind schließlich in rund 15 kirchlichen und gesellschaftlichen Gremien – unter anderem im Rundfunk- und Medienrat, ver.di, Bündnis gegen Altersarmut – auf bayerischer und Bundesebene vertreten.

Trotz der spannungsreichen Geschichte wuchsen die angegliederten Verbände, wie Elke Beck-Flachsenberg als Vorsitzende des Dachverbandes aufzeigen konnte. „Frauen suchen nach neuen Modellen, die in der Kirche gelebt werden können.“ Nun zählt der Verband rund 20 Mitgliedsorganisationen mit einer breiten Vielfalt von Spiritualität, Bildungs- und Sozialarbeit. Zur Förderung der „gemeinsamen Interessen der bayerischen evangelischen Frauenwelt“ spielt die Vernetzung eine entscheidende Rolle, gerade beim Einsatz für politische Themen.

Die anfängliche Haltung der Demut stand also ganz im Gegensatz zur realen Bedeutung der Frauen gerade für die Gesellschaft der vergangenen hundert Jahre. Umso wichtiger war ihre Vernetzung im kirchlichen Bereich.

Viele Konfliktfelder haben sich einer pragmatischeren Ebene zugewandt: Überlegungen, welche Wege sich finden lassen für Elternzeit, Kindertagesstätten, Sonntagsschutz, stehen eher im Vordergrund. „Trockene“ Gremienarbeit ist dabei nötiger denn je. Denn immer deutlicher steht das Zusammenbinden der Querschnittsinteressen im Vordergrund.