Lässt sich der Schrecken überwinden?

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Auch Martin Luther setzte sich mit der Pest auseinander.
Auch Martin Luther setzte sich mit der Pest auseinander. Foto: LWL/P. Jülich

Eindrückliche Sonderausstellung zur Pest in Herne wirft grundlegende Fragen auf

Konnte der „Schnabeldoktor“ überhaupt etwas sehen? Aufgrund des eingeschränkten Sichtfeldes und schlechter Luftzufuhr war die Schnabelmaske für den Pestarzt wohl nicht sehr praktisch – auch wenn sie vor Ansteckung schützen sollte. Im westfälischen Herne macht sich eine Sonderausstellung im Museum für Archäologie auf die Suche nach Spuren zur „Pest“. Dort, im nördlichen Ruhrgebiet, zeigt sie auf, wie diese Geißel das Denken und Leben der Menschen veränderte.

Beim Schnabeldoktor deute auch die Quellenlage darauf hin, dass er eher eine Randerscheinung war, so der Katalog. Aber als Illustration in Flugblättern nach 1700 fand diese Figur Verbreitung – um die Pest in Südeuropa zu illustrieren. Sie machte in der Vorstellungswelt der Menschen Karriere. Dies zeigt eindrücklich, wie Bilder zur Pest sich im Gedächtnis der Menschen festsetzten.

Schwarze Vitrinen und düstere Klanginstallationen schaffen eine bedrohliche Atmosphäre in der Schau. Unterbrochen wird dies durch „helle“ Bereiche, die die wissenschaftliche Erforschung zeigen. Als Strafe Gottes, so erschien sie den Menschen. Wie ein apokalyptischer Reiter, so nahm die Pest Europa Mitte des 14. Jahrhunderts in den Zangengriff: In wenigen Jahren löschte sie ganz real ein Drittel der damaligen Bevölkerung Europas aus.

Die mittelalterliche Pestwelle war der bedrohlichste, aber längst nicht der erste Ausbruch der Seuche. Der Pesterreger entstand wohl durch Mutation in der Jungsteinzeit. Auf einem assyrischen Rollsiegel, in ägyptischen und hethitischen Quellen finden sich Spuren der Seuche.
Auch im Alten Testament taucht oft der Begriff der Pest auf – wohl als Sammelbezeichnung für verschiedene Seuchen. Sie werden in hethitischer Tradition als Strafe Gottes für Israel und seine Feinde begriffen.

Die Spuren der frühen Pestwellen lassen sich aber auch in Mitteleuropa nachweisen. In Augsburg fand sich das älteste Pestgrab, in dem seit 4.200 Jahren Knochenreste überdauert haben. Vielleicht lässt sich der Wechsel von der Körper- zur Brandbestattung in der frühen Bronzezeit durch diese Seuche erklären, meint die Ausstellung. Die Menschen damals hätten gemerkt, dass die Asche weniger ansteckend war.

Zur Zeit des oströmischen Kaisers Justinians um 540 nach Christus breitete sich die Pest erneut bedrohlich aus. Selbst die Überreste einer Doppelbestattung in Aschheim bei München tragen den Erreger noch nachweislich in sich.

Nach 1346 suchte die Pest Europa bis ins 18. Jahrhundert hinein in mehreren Wellen heim. Gegen diese Strafe Gottes half nur Beten und Buße, so empfanden es viele Zeitgenossen. Da niemand durchschaute, dass Ratten und ihre Flöhe die Krankheit übertrugen, herrschte Hilflosigkeit. Flagellanten, die sich selbst geißelten, zogen bald schon durch die Lande. Sie wollten die Gnade Gottes erzwingen. Und stellten gleichzeitig die religiösen Autoritäten in Frage, da sie außerhalb aller religiösen Hierarchien standen.

Auch sie trugen durchaus zur Ausbreitung der Seuche bei. Und zu weiteren Gewaltausbrüchen. Denn jemand musste für all den Schrecken büßen: Die Schuldigen fanden viele in den Juden, denen sie Verantwortung für die Seuche zuschoben. Ganz nebenher ließen sich so drückende Kredite loswerden, mit denen gerade viele Stadtbürger, aber durchaus auch Adelige bei jüdischen Geldverleihern hoch verschuldet waren. Am Beispiel Augsburgs zeigt die Schau, wie die Familie der Portners wohl die Judenpogrome zu nutzen versuchte, um die Stadtherrschaft zu gewinnen.

Die bedrückende Atmosphäre dieser Zeit zeigt auch ein Zeichen­trickfilm inmitten aller historischen Exponate: „Der Perückenmacher“ von Steffen und Annette Schäffler. Ein Haarkünstler während einer englischen Pestwelle ungefähr im 17. Jahrhundert beobachtet durch die Fenster seines fest verschlossenen Hauses das Fortschreiten der Krankheit und der Verwahrlosung. Ein Nachbarmädchen verliert erst seine Mutter und steckt sich dann selbst an. Nach ihrem Tod schneidet der Perückenmacher ihre Haare ab – und steckt sich selbst an. Damit bestätigt dieser fiktive Film manche Ängste, dass auch die Haare der Pesttoten bei Perücken Verwendung fanden. Vielleicht ein Grund, warum sich diese Mode änderte?

Nicht nur dieser einfach gestaltete, aber eindrückliche Film zeigt, wie die Seuche das menschliche Miteinander bedrohte. Schon zuvor setzte sich Martin Luther in einem Traktat mit den Auswirkungen einer Pestwelle von 1527 in Wittenberg auseinander. Er urteilte, dass besonders niemand vor der Pest fliehen dürfe, der mit seinem Beruf Verantwortung übernommen habe. Geistliche und Ärzte, die den Sterbenden beizustehen hätten sowie Amtsträger müssten ausharren. Familienmitglieder und Nachbarn sollten sich helfen. Doch solle man nicht auf Fliehende herabsehen.

Standhalten und sich unterstützen sollten sich also die Menschen und sich nicht ihrer Angst und Trieben ausliefern, so Luther. Doch selbst seine Witwe Katharina floh 1552 vor einer erneuten Pestwelle nach Torgau, verunglückte aber und starb bald darauf an den Folgen.

Dabei war es bereits der englischen Verwaltung im 14. Jahrhundert gelungen funktionstüchtig zu bleiben, obwohl die Seuche dort eher noch heftiger wütete als auf dem Kontinent. Doch hielten sich hier wenigstens Chaos und Gewalt in ihrem Gefolge im Rahmen.

Der Längsschnitt durch die Jahrhunderte zeigt bedrückend, wie mehr noch als die Pest selbst der Schrecken, den sie verbreitete, menschliches Zusammenleben bedrohten. Doch schließlich, ganz langsam, wandelte sich etwas: Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten Ärzte den Pesterreger. Seit 1943 lässt er sich wirksam bekämpfen.

Wurde Gottes Wirken dadurch beeinträchtigt, dass immer weniger Menschen ihm die Verantwortung für diesen Schrecken zuschoben? Die gegenteilige Ansicht zeigt nach dem Besuch dieser detailreichen Schau mit gut 300 Objekten auf: Dort, wo die Menschen die lähmenden Wirkungen von Verschwörungstheorien, Hilflosigkeit und ihren düstersten Trieben überwinden konnten, schufen sie die Grundlage für die Überwindung wenigstens eines Schreckens.

Ausstellung bis 10. Mai im LWL-Museum für Archäologie Herne, Europaplatz 1. Werktags außer montags von 9 bis 17 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr. Am Wochenende 11 bis 18 Uhr. Mehr Infos unter Tel.: 02323/946280, online www.pest-ausstellung.lwl.org. Eintritt regulär 6 Euro.


Katalog vom LWL-Museum für Archäologie, Westfälisches Landesmuseum Herne; 690 Seiten, rund 700 Abb., 40 Euro; ISBN: 978-3-8062-3996-6.