Editorial: Brennglas für wesentliche Horizonte

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Vor genau fünf Jahren befragten wir Sie als unsere Leserinnen und Leser zu Ihren Erinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945. Damals lag es 70 Jahre zurück, nun sind es inzwischen 75 Jahre geworden, die wir in Frieden und Sicherheit leben durften. Ja, dieser Satz gilt auch heute in den Corona-Zeiten. 

Denn so belastend oder deprimierend die Einschränkungen gerade sind, so befinden wir uns dennoch nicht in einer nur annähernd vergleichbaren Situation wie vor mehr als 75 Jahren: Es fallen in Deutschland keine Bomben, es heulen kein Sirenen. Niemand ist auf der Flucht oder hat Vertreibung zu fürchten. Die Supermärkte sind gefüllt, viele andere Geschäfte haben gerade wieder geöffnet. Für Hotels und Gaststätten, Schausteller und Schauspieler, die noch immer keine Verdienstmöglichkeiten haben, hat der Staat Hilfen bereitgestellt. Zwar decken sie vielfach nicht den Verdienstausfall, doch lindern sie die Not. 

Sicher, die Einschränkungen sind ungleich verteilt. Da sollte es nach der Krise hoffentlich zu einer gerechteren Lösung kommen. Und es sollte auch danach kein ungebremstes „Weiter so wie zuvor“ geben. Denn die Krise zeigt wie in einem Brennglas, woran es an Gerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit mangelt: Unsere Anfälligkeit für Corona hängt auch etwas mit dem Raubbau an Umwelt und Klima zusammen. Unser Umgang mit der Krise legt auch bloß, wer oder welche Staaten am besten ihre eigenen Interessen auf Kosten der anderen durchsetzen können. 

Viele Ihrer Erinnerungen führten uns vor fünf Jahren noch einmal die Sinnlosigkeit der Kämpfe und der Zerstörungen gerade in den letzten Kriegstagen eindrücklich vor Augen. Das zeigt sich auch in den Lebenserinnerungen des Treuchtlinger Pfarrers Julius Kelber, auf die wir nun gestoßen sind: Die Altmühlbrücke, über die damals auch die Wasserversorgung Treuchtlingens führte, sollte vor den anrückenden Amerikanern zerstört werden. Und dies, obwohl die Altmühl damals per Fahrrad überquert werden konnte, wie sich Kelber erinnert. 

Der Bericht zeigt aber auch den Mut und die Hilfsbereitschaft des Pfarrers gerade gegenüber Flüchtlingen und Vertriebenen. Auch damals trafen die Kriegsfolgen nicht alle gleich. Reaktionen in der Nachkriegszeit zeigen aber auch wie in einem Brennglas, welchen Horizont die Handelnden hatten.