500 Jahre Evangelisches Leben im Süden Österreichs: mehr als ein Jubiläum
Anfang 1526 betrat ein evangelischer Prediger die Stadt Villach. Er übernahm die Stadtpfarrkirche St. Jakob. Möglich gemacht hatte das Sigmund von Dietrichstein, Statthalter der innerösterreichischen Lande. Doch die Bürgerschaft hatte die Anstellung zuvor beschlossen.
Die reformatorischen Gedanken waren vor 500 Jahren längst in Kärnten angekommen. Schon wenige Wochen nach Luthers Thesenanschlag hatte sich Georg Krainer aus Villach in Wittenberg als Theologiestudent eingeschrieben. Nach seiner Rückkehr wurde er evangelischer Pfarrer bei Villach. Reformation ist längst nicht nur ein fernes Echo zu einem runden Jubiläum – sie hatte Gesichter, Namen, Orte.
Auch die Delegation des Gustav-Adolf-Werkes (GAW) aus Leipzig konnte diese Spuren entdecken. Unterwegs zur Feier zur Bischofsübergabe in der Slowenischen Evangelischen Kirche am 1. Advent 2025 (vgl. Ausgaben 49/25 und 2/26) kam sie durch Kärnten und die Steiermark. Die Autorin konnte sie begleiten.
Fast sieben Jahrzehnte lang blieb Villach evangelisch geprägt. Doch im November 1594 kippte die Lage. Barbaro, Patriarch von Aquileia, erschien vor Ort, unterstützt vom Bistum Bamberg, dem weit entfernten Grundherrn der Stadt. Es folgten chaotische Szenen: Vertreter der Stadt versteckten die Kirchenschlüssel. Der Patriarch ließ die Türen aufbrechen und setzte einen katholischen Priester ein. Dann versah er die Kirchenportale mit seinem Vorhängeschloss und seinem Wappen.
Die Bürgerschaft reagierte mit Spott: Das Wappen landete im Narrenhäuschen. Rechnungs- und Grundbücher der Kirche wurden weiter zurückgehalten. Erst als Kaiser, Papst und der Bamberger Bischof eingriffen, wurde im Jahr 1600 die Gegenreformation durchgesetzt.
Dies war kein Zufall, sondern Teil einer größeren Welle. Um 1600 erfasste die Gegenreformation Kärnten und die Steiermark mit voller Wucht. In Graz, rund 180 Kilometer entfernt, wurden etwa 10.000 evangelische Bücher verbrannt. Prediger mussten die Stadt verlassen, protestantische Schulen schlossen. Selbst der Astronom Johannes Kepler, Lehrer an der Stiftsschule, wurde 1600 zum Weggang gezwungen. Auch Klagenfurt, zuvor jahrzehntelang evangelisch geprägt, geriet unter Druck.
Bischof Martin Brenner zog im Herbst 1600 mit 300 Landsknechten durch Kärnten. Seine Mission war Zwangsbekehrung. Wer sich weigerte, musste auswandern – und zehn Prozent seines Vermögens als Steuer zurücklassen. Kirchen und Pfarrhäuser wurden zerstört, Bücher verbrannt. Doch nicht überall kam der Bischof durch. Nördlich von Villach errichteten Bauern und Bergleute in den engen Tälern Sperren: Sie verhinderten das Vorrücken. Der Adel blieb zunächst verschont, wurde jedoch 1628 zur Konversion gedrängt.
Überleben im Untergrund
Von da an lebte der Protestantismus im Untergrund. Schriften wurden versteckt, Bücher heimlich ins Land geschmuggelt. Eine lutherische Bibel hatte den Tauschwert einer Kuh – kostbar und gefährlich. Wer katholische Gottesdienste mied, erhielt Strafen. Viele gingen. 1731/32 vertrieb der Salzburger Fürsterzbischof die Protestanten aus seinem damals eigenständigen Gebieten. In Kärnten versuchten Gläubige, sie zu unterstützen: Auch sie wurden nach Siebenbürgen deportiert – und man nahm ihnen zuvor ihre Kinder.
Rund um die Städte verschwand der Geheimprotestantismus oft nach wenigen Generationen. Nur in abgelegenen Berg- und Grenzregionen überlebte er. Erst 1781 brachte das Toleranzpatent Kaiser Josephs II. eine vorsichtige Wende. Nichtkatholiken durften Gemeinden bilden – wenn sie groß genug waren: 500 Seelen oder hundert Familien zählten. Doch ihre Bethäuser mussten unscheinbar bleiben: kein Turm, kein Eingang direkt von der Straße. Der Übertritt erfolgte vor einer staatlichen Kommission: Er blieb eine Mutprobe. Dennoch entstanden bald 48 Toleranzgemeinden.
Einer dieser Orte war Fresach in Kärnten – östlich von Villach. Hier hatte sich der evangelische Glaube im Verborgenen gehalten. 1781 entstand dort eine der ersten Gemeinden. Das Bethaus von 1784 steht noch heute. Es ist das älteste erhaltene Andachtstätte in Österreich. Heute bewahrt das Evangelische Diözesanmuseum dort die Zeugnisse des protestantischen Glaubens. Die GAW-Delegation konnte sich da selbst ein Bild machen. Das Hilfswerk hatte dort durch eine neue LED-Beleuchtung unterstützt.
Unterstützung kam auch damals von außen. Der Nürnberger Kaufmann Johann Tobias Kießling spendete ab 1791 Geld für Bücher für „aufmerksame und hungrige Seelen“, besonders für Jugendliche. Im 19. Jahrhundert wuchs die evangelische Infrastruktur. 1861 kam eine relative Gleichstellung.
Zwischen 1900 und 1939 verdreifachte sich der Anteil der Protestanten auf 5,5 Prozent der Bevölkerung bei 6,6 Millionen Einwohnern. Mit dem „Anschluss“ 1938 gingen sie in deutschen Evangelischen Kirchen auf. Unter ihnen herrschte eher eine deutschnationale Stimmung: Hatten sie nicht schon lange zu ihren Geschwistern nach Norden geblickt?
Und doch gab es Gegenbilder: Pfarrer Hellmuth Bergmann in Hallstadt, der bereits 1933 aus Deutschland emigriert war, schützte seine jüdische Frau bis Anfang 1945. Danach täuschte sie einen Suizid vor und überlebte unter falscher Identität.
Anschließend ordnete sich die Kirche neu, seit 1980 gibt es Pfarrerinnen. Heute sind Protestanten in Österreich eine kleine Minderheit: 2024 nur noch rund 2,7 Prozent der inzwischen 9,2 Millionen Einwohner. In Kärnten sind es überdurchschnittlich 8 Prozent, in Fresach zwei Drittel der Bevölkerung.
Ihre Geschichte erzählt von Menschen, die ihren Glauben durch Jahrhunderte trugen. Doch selbst eine solche Tradition macht nicht automatisch immun gegen die eigene innere Enge. Andererseits bleibt gültig: Solidarität über Grenzen hinweg hilft. So hält dieses Jubiläum uns an, auch die eigenen Wege zu überdenken.
Alexander Hanisch-Wolfram: Auf den Spuren der Protestanten in Kärnten, Heyn-Verlag, ISBN 978-3-7084-0392-2.
Infos online: https://www.evangforumfresach.at



























