Beharrlich, besonnen, beherzt

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Wolfgang Hagemann (links) im Jahr 2024 mit dem ehemaligen brasilianischen Kirchenpräsidenten Nestor Friedrich bei der Übergabe von 30.000 Euro für Programme der Kirche anlässlich der 200-Jahr-Feier zum Gedenken der Einwanderung lutherischer Christen und der Kirchengründung. Foto: privat
Wolfgang Hagemann (links) im Jahr 2024 mit dem ehemaligen brasilianischen Kirchenpräsidenten Nestor Friedrich bei der Übergabe von 30.000 Euro für Programme der Kirche anlässlich der 200-Jahr-Feier zum Gedenken der Einwanderung lutherischer Christen und der Kirchengründung. Foto: privat

Lebenslinien: 25 Jahre Wolfgang Hagemann an der Spitze des Martin-Luther-Vereins Bayern

„Innerhalb einer Woche ist das zugesagte Geld vor Ort.“ So direkt und schnell zu helfen, das ist Wolfgang Hagemann wichtig. Ob in Brasilien oder in der ukrainischen Hafenstadt Odessa: Der 81-jährige Pfarrer im Un-Ruhestand weiß, wie wichtig eine schnelle Unterstützung ist. Seit 25 Jahren steht er als Vorsitzender an der Spitze des Martin-Luther-Vereins (MLV) in Bayern – als Nachfolger des Pfarrers und Politikers Hans Roser. 

Hagemanns vielfältige Kontakte weltweit dienen dazu, dass das Geld schnell und sicher an seinem Bestimmungsort ankommt – auch in die Ukraine mit Unterstützung des Martin-Luther-Bundes Erlangen.

Geboren 1945, ist Hagemanns Lebensweg eng mit der Kirche und ihrem weltweiten Wirken verbunden. Früh engagierte er sich in der Jugendarbeit. Er studierte Theologie in Wuppertal und Erlangen. Dann wirkte er als Gemeindepfarrer in Uttenreuth bei Erlangen. Schließlich engagierte er sich als Referent für Mission und Entwicklung im Amt für evangelische Jugendarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB). 

Mehr als 18 Jahre lang prägte Hagemann die Urlauber- und Campingseelsorge – ein Arbeitsfeld, das ihm ebenfalls bis heute am Herzen liegt. Noch immer ist er gemeinsam mit seiner Frau unterwegs: Den Campingplatz Marina de Venezia vor den Toren Venedigs empfiehlt er gern – mit einem Augenzwinkern. Auch in der Seniorengruppe von „Kirche unterwegs“ schlägt weiterhin sein Herz.

Und bereits seit 1990 wirkt er ehrenamtlich im Hauptausschuss des Martin-Luther-Verein – zunächst als Schatzmeister und zweiter Vorsitzender, bevor er vor 25 Jahren den Vorsitz übernahm. Der MLV ist ein selbstständiges Diasporawerk in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Vorstand, Hauptausschuss, Mitglieder und Förderer engagieren sich weltweit für lutherische Kirchen und Gemeinden in ausgeprägten Minderheitensituationen. 

Was 1860 als „Evangelischer Gotteskasten“ begann und 1930 seinen heutigen Namen erhielt, ist längst mehr als ein traditionsreicher Verein. Es ist ein Netzwerk der Solidarität.

Hagemanns Vorsitz ist geprägt von leiser Beharrlichkeit. Er koordiniert die Arbeit des fünfköpfigen Vorstands und des Hauptausschusses, organisiert Sitzungen und Tagungen, pflegt Kontakte zu Spenderinnen und Spendern und hält die Verbindung besonders zu den Partnerkirchen in Brasilien, der Ukraine und Südafrika. Leitmotive sind dabei stets: „Die Chancen nutzen“. Dazu gehört es, Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen, Gemeinschaft zu stärken und Bildung zu fördern. Die Hauptziele des MLV sind dafür klar umrissen: Lutherische Minderheiten stärken, christliche Gemeinschaft fördern und Menschen in schwierigen Lebenslagen konkret unterstützen. 

Nachhaltige Hilfsprojekte

Finanziert wird diese Arbeit besonders aus Kollekten, Sammlungen sowie dem Engagement von rund 450 regelmäßigen Spenderinnen und Spendern sowie rund hundert Mitgliedern. So entfaltet der Verein eine erstaunliche Wirkung. Wolfgang Hagemann ist es dabei wichtig, direkten Kontakt zu den Spendenden und zu den Empfängern zu halten.

In der Ukraine war Wolfgang Hagemann vor 2022 immer wieder vor Ort. Er hält weiterhin intensiven Kontakt mit Pfarrer Alexander Gross von der Deutschen Evangelisch-Lu-
therischen Kirche in der Ukraine (DELKU) aus Odessa. Das christliche Sommercamp „Gloria“ vor Ort ist für viele Kinder eine Chance, um dem Kriegsalltag zu entfliehen. Nach einem Schuljahr unter Extrembedingungen brauchen sie eine Auszeit. Viele Kinder kommen aus Familien, die vom Krieg schwer getroffen sind. 

Die elfjährige Lilie etwa braucht Unterstützung beim Lernen. Vitaly lebt bei seiner Großmutter, weil seine Mutter durch den Krieg gestorben ist und sein Vater mit Alkoholproblemen kämpft. Artem hat seine Eltern durch den Krieg verloren und lebt ebenfalls bei seiner Oma. Für alle diese Kinder ist das Camp eine Gelegenheit, um in Gemeinschaft Abstand zu den Alltagssorgen zu erhalten. Die Kinder finden Geborgenheit sowie positive Lebens- und Glaubensvorbilder. 

Im Landkreis Odessa versorgt eine Sozialarbeiterin ferner 1.260 ältere und oft pflegebedürftige Menschen in den verstreuten Dörfern. Der Kleinwagen, mit dem sie seit 2012 jede Woche viele hundert Kilometer auf holprigen Landstraßen unterwegs war, ist inzwischen sehr reparaturanfällig geworden. Sie brauchte Ersatz, um weiterhin zu ihnen zu gelangen, um mit ihnen zu beten und ihnen Lebensmittel zu übergeben oder ihnen eine medizinische Grundversorgung zu bieten. Da oft nähere Angehörige vor Ort fehlen, ist sie für viele Senioren der einzige Kontakt nach außen. Der MLV Bayern hat mit 10.000 Euro den Ersatz durch einen besseren Gebrauchtwagen unterstützt. 

Ähnlich nachhaltig wirken die brasilianischen Partnerprojekte: Das Internato Rural in Teófilo Otoni etwa besteht seit 60 Jahren: Es fördert seitdem Kinder und Jugendliche aus ärmeren ländlichen Familien. Ihre Nahrungsmittel bauen sie selbst an. Damit wirkt es beispielhaft auf Kinder- und Jugendstätten in Blumenau, Sao Paulo, Rio und an anderen Orten. Auch diese Projekte unterstützt der MLV Bayern kontinuierlich – ebenso wie Näh-, Koch- und Computerkurse in Ceilândia bei Brasilia.

Ehrenamtliche stiften Sinn

All das geschieht heute unter deutlich veränderten Bedingungen. Lange unterhielt der Verein in Neuendettelsau eine gemeinsame Geschäftsstelle mit dem Gustav-Adolf-Werk. Lange wurde das Personal von der Landeskirche finanziert, doch vor rund sechs Jahren wurden die Mittel so stark gekürzt, dass die gemeinsame Struktur aufgegeben werden musste. Seither ist der MLV Bayern vollständig in ehrenamtlichen Händen. Nur beim Jahresabschluss hilft ein Steuerbüro.

Kontinuität trotz knapper Ressourcen – dafür steht Wolfgang Hagemann. Mit klarem Blick für das Machbare hält er ein weltweites Netzwerk zusammen, das auf Vertrauen, Treue und persönlicher Ansprache beruht. Doch langsam würde er seine Verantwortung beim MLV teilen und weitergeben. Nach 25 Jahren an der Spitze ist Hagemann keiner, der sich in den Vordergrund drängt. So hat er auch keine Zeit, sein ehrenamtliches Dienstjubiläum groß zu feiern. Er sorgt lieber dafür, dass Hilfe rasch ankommt. Susanne Borée

Mehr Infos online unter https://mlv-bayern.de. Direkter Kontakt unter der E-Mail info@mlv-bayern.de oder telefonisch über 0178/6850290.

Spendenkonto des Martin-Luther-Vereins e.V. in Bayern: IBAN DE84 7655 0000 0760 7009 14; BIC: BYLADEM1ANS, Sparkasse Ansbach.