Christliches Zeugnis in Syrien zwischen Verwurzelung, Verdrängung – und neuer Hoffnung
Seit dem Jahr 2010 ruft die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) am Sonntag Reminiszere Kirchen und Gemeinden auf, in Gottesdiensten und Gebeten an die Leidenserfahrungen von Christen in anderen Ländern aufmerksam zu machen und Anteil zu nehmen. Der Name „Reminiszere“ für den zweiten Sonntag der Passionszeit verdankt seinen Namen dem sechsten Vers des Psalms 25: „Gedenke (lateinisch: Reminiscere), Herr, an deine Barmherzigkeit“. In diesem Jahr soll insbesondere der Menschen in Syrien gedacht werden: nach 13 Jahren des furchtbaren Bürgerkriegs und ein Jahr nach dem Sturz des Diktators und der Übernahme der Übergangsregierung ist die Unsicherheit nach wie vor sehr groß. Ende Januar und Anfang Februar waren daher von Seiten des Gustav-Adolf-Werkes (GAW) Generalsekretär Enno Haaks und Präsident Martin Dutzmann in Syrien und dem Libanon. Hier ein Bericht nach einigen ihrer Reise-Erinnerungen:
Damaskus, im Haus des Hananias: Hier soll der Apostel Paulus getauft worden sein. Wenige Straßen weiter birgt die Umayyaden-Moschee einen Schrein, der der Überlieferung nach das Haupt Johannes des Täufers enthält – an jenem Ort, an dem einst eine christliche Kathedrale stand. Christentum und Islam, Verwurzelung und Wandel, Hoffnung und Verlust: In Syrien liegt all das eng beieinander.
Doch der Blick in die Gegenwart ist ernüchternd. Der gesamte Mittlere Osten ist von tiefgreifenden Krisen gezeichnet. Krieg, Vertreibung, wirtschaftliche Not und gesellschaftlicher Druck haben die christlichen Gemeinschaften massiv geschwächt. In Syrien bekannten sich vor Beginn des Krieges 2011 noch rund elf bis zwölf Prozent der Bevölkerung zum christlichen Glauben. Heute gehen Schätzungen davon aus, dass es kaum mehr als ein bis zwei Prozent sind. Viele sind geflohen. Der Stolz auf die eigene Tradition mischt sich mit Angst vor der Zukunft.
Predigt voller Hoffnung
„Martin – du musst morgen predigen“, sagt Pfarrer Haroutune Selimian zur Begrüßung. „Wir feiern morgen Gottesdienst mit Heiligem Abendmahl. Wir möchten von dir tröstende und ermutigende Worte hören“. Mit seiner Predigt setzt der Präsident des Gustav-Adolf-Werks, Martin Dutzmann, ein Zeichen an die Geschwister in Damaskus: Ihr seid nicht vergessen.
Einmal im Monat hält Selimian in der syrischen Hauptstadt noch Gottesdienst: Etwa 40 bis 50 Menschen kommen dann zusammen. Früher waren es rund 150. Krieg und Auswanderung haben die Gemeinde ausgedünnt. Der Gottesdienst findet in der Kirche der Nationalen Evangelischen Synodenkirche für Syrien und den Libanon (NESSL) statt – ebenfalls eine Partnerkirche des GAW. Zwei Gemeinden teilen sich den Raum. Ehrenamtliche halten die Gemeinschaft zusammen.
Umso wichtiger ist die Predigt von Martin Dutzmann über die Jahreslosung 2026: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“ Der GAW-Präsident spricht von Leid, Tränen und Zerstörung – und davon, dass Gott die Menschen nicht aus dem Blick verliert. Nicht Gewalt, nicht Mächtige, nicht Unterdrücker haben das letzte Wort. Wo Tränen getrocknet, Leben geschützt und Hoffnung bewahrt wird, da handle Gott. Dieses Versprechen gilt nicht irgendwann, sondern heute.
Nach dem Gottesdienst versammelt sich die Gemeinde im Saal nebenan. Einige Mitglieder erhalten eine kleine finanzielle Unterstützung. Möglich ist sie nur dank Partnern im Ausland. Die Hilfe lindert Not, aber sie tut mehr: Sie gibt Halt und nährt die Hoffnung, dass es auch in Syrien noch einmal neu werden kann.
Versteckt in der Altstadt von Damaskus liegt seit 1923 die armenisch-evangelische Schule. Man sieht ihr die Jahrzehnte an, eine umfassende Sanierung ist dringend nötig. „Die neue Regierung erlaubt uns nun, Schritt für Schritt den Gebäudekomplex zu renovieren“, sagt Selimian. Das ist entscheidend, damit die 104 Schüler und Schülerinnen der Elementarschule auch weiter eine kirchliche Schule besuchen können. Sie erhalten die Vielfalt und ermöglichen es den Kirchen, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen. Rund 50 Prozent der Schüler sind muslimisch, die andere Hälfte stammt aus verschiedenen christlichen Konfessionen.
„Der Schultag beginnt immer mit einer gemeinsamen Andacht, an der alle teilnehmen“, so Selimian. Auch Religionsunterricht gehört zum Lehrplan. „Die Kinder lieben das. Uns ist wichtig, christliche Werte wie Verantwortung und Solidarität zu vermitteln“, erklärt der Pfarrer weiter. Schüler und Lehrerinnen betonen immer wieder, wie sehr ihnen diese Schule am Herzen liegt. „Auch wenn die Schule erneuert werden muss, ist sie ein schöner Ort. Hier darf ich lernen“, sagt stolz eine Viertklässlerin. Trotz Bürgerkrieg, Abwanderung und knapper Ressourcen besteht die Schule bis heute fort – als Zeichen der Standhaftigkeit christlicher Minderheiten in Syrien.
Begleitung und Bildung
Wenige hundert Kilometer weiter, im Norden des Libanon, betreibt die NESSL in Minyara ein Tageszentrum für syrische geflüchtete Kinder. Rund 50 Mädchen und Jungen zwischen vier und zwölf Jahren werden dort betreut. „Viele kommen allein aus den Camps“, erzählt Rani Saoud, Gemeindeältester und Leiter des Zentrums. Die Eltern sind meist auf der Suche nach Gelegenheitsarbeit. Bildung bleibt sonst auf der Strecke.
Rund 50 Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren werden derzeit betreut. Öffentliche Schulen bleiben ihnen oft verschlossen, private können sie nicht bezahlen. Neben den Schulfächern gehören Kreativität und psychosoziale Begleitung zum Alltag. Das Zentrum steht allen Kindern offen – unabhängig von Herkunft oder Religion.
Heute zählt die NESSL rund 20.000 Mitglieder – jeweils die Hälfte im Libanon und in Syrien. Ihre Zahl schrumpft zunehmend. 38 Gemeinden, 28 aktive Pastoren – darunter drei Frauen – und acht Pensionäre halten die kirchliche Arbeit aufrecht.
Die theologische Ausbildung für vier protestantische Kirchen der Region geschieht an einem Institut in Beirut – heute zunehmend digital. So ist die lokale kirchliche Realität mit regionaler ökumenischer Verantwortung und globaler Solidarität verbunden. Das GAW setzt weiterhin Hoffnungszeichen. Enno Haaks (GAW)/Borée
Spendenkonto des GAW Bayern: VR-Bank Mittelfranken West; IBAN: DE65 7656 0060 0000 0245 54; BIC: GENODEF1ANS; Stichwort: Syrien/Libanon.
Mehr Infos: https://www.ekd.de/syrien-aktuell-90593.htm und
https://glaube-verbindet.gustav-adolf-werk.de => Syrien/Libanon


























