„Gebäudeplanung als Marathon, kein Sprint“

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Kirchenruine Zerbst. Foto: epd/F
Kirchenruine Zerbst. Foto: epd/F

Fachtagung zur Kirchen-Umnutzung bot Ideen – Umsetzung als Herausforderung vor Ort

In der ehemaligen Lukaskirche im bayerischen Kelheim hallen noch immer Stimmen durch den Raum – aber es sind keine Gebete mehr, sondern Urlaubspläne, Kinderlachen, Gespräche beim Abendessen. Der weite, offene Charakter des Kirchenraums ist geblieben, doch seine Funktion hat sich radikal gewandelt: Aus einem Ort der Andacht ist ein Ferienhaus geworden. Drei Wohnungen sind entstanden, der offene Raumcharakter blieb teilweise erhalten. Gruppen können hier übernachten – unter einem Dach, das einst für Gebet und Predigt gedacht war.

Es ist ein Bild, das sich in Deutschland künftig wohl öfter zeigen dürfte. Denn die Kirchen stehen vor einer historischen Herausforderung, da sich die Mitgliederzahlen bis 2060 wohl mindestens halbieren werden. 

Der Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards formulierte die Lage bei der Fachtagung zu den „Kirchenräumen“ nüchtern: Auch aktive Kirchen würden schon heute nur noch wenige Stunden pro Woche genutzt. Rein wirtschaftlich erscheine ein solches Gebäude schnell als Belastung – zynisch formuliert: „Kirche ist Grundstückswert minus Abbruchkosten.“ Doch diese Rechnung greife zu kurz. Gerade Menschen ohne enge Kirchenbindung schrieben den Gebäuden oft einen hohen Wert zu. Darin könnte ihre Zukunft liegen.

Denn Kirchen sind steinerne Gedächtnisse, Landmarken, Orte kollektiver Erinnerung. Das sogenannte „Kirchenmanifest“ brachte diese Perspektive 2024 auf den Punkt. Es warb aus der Sicht einer säkularen Gesellschaft für den Erhalt der Gebäude – als Teil des kulturellen Erbes. Kirchen prägen Ortsbilder, stiften Identität und bieten Räume, die viele Menschen auch jenseits ihrer religiösen Praxis schätzen.

Zugleich öffnet sich darin eine neue Möglichkeit: Im besten Fall könnten Kirchen zu Orten für Kultur, Bildung oder soziale Initiativen werden. Eine Büchertauschbörse im Seitenschiff, ein Treffpunkt, ein Raum nicht nur für Konzerte sondern auch Gespräche und Diskussionen. Wichtig sei, so Gerhards, Orte zu schaffen, „in die Menschen kommen“.

Dass solche Orte gebraucht werden, zeigt auch die jüngste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung. Auch viele Menschen, die nicht mehr in der Kirche sind, sehnen sich nach Unterbrechung – nach einem Raum, der sich vom Gewöhnlichen abhebt. Kirchen mit ihrer Atmosphäre können genau das bieten: oft unabhängig davon, ob sie noch als „heilig“ im klassischen Sinn verstanden werden.

Wie unterschiedlich die Wege in die Zukunft aussehen können, zeigen Beispiele aus ganz Deutschland. In Kaiserslautern wurde ein Teil der Kirche Maria Schutz zu einem Kolumbarium umgebaut. In den Seitenschiffen befinden sich heute Urnenkapellen. Der Kirchenraum bleibt zugänglich, täglich geöffnet, barrierefrei – ein wettergeschützter Ort des Gedenkens. Das Projekt präsentierten der zuständige Dekan Steffen Kühn und Verwaltungsrat Gerd Gerber vom Bistum Speyer in den wirtschaftlichen Dimensionen. 

Hinter den Mauern der Stadtpfarrkirche St. Joseph im Augsburger Stadtteil Oberhausen verbirgt sich heute ein modernes Archiv. Auf zehntausenden Regalmetern lagern Akten, Bücher und Dokumente der Diözese. Nur in einem Teilbereich finden noch Gottesdienste statt. Das Projekt, das Diözesanbaumeister Johannes Kerschensteiner in München präsentierte, fand bundesweit Beachtung – als „Gedächtnis der Kirche in einer Kirche“. Beide Gotteshäuser sind somit weniger weit gegangen als die ehemalige Kelheimer Lukaskirche, die Helmut Braun als Kunstbeauftragter der Evangelischen Landeskirche Bayern, und Baureferent Stefan Lautner bei der Tagung vorstellten.

Doch diese Beispiele zeigen auch: Die Zukunft der Kirchen hängt nicht allein an architektonischen Lösungen. Sie verlangt einen Mentalitätswandel – auch innerhalb der Kirchen selbst. Wenn Gotteshäuser stärker für die Gesellschaft geöffnet werden, muss diese auch Verantwortung übernehmen – und verlangt nach Mitsprache. 

Lange & mühsame Prozesse

Natürlich kostet ein grundlegender Umbau erst einmal ordentlich – selbst wenn es Fördermittel gibt. Und es braucht tragfähige Ideen und mühsame Detailarbeit mit langem Atem – für den örtlichen Kirchenvorstand. „Gebäudeplanung ist ein Marathon, kein Sprint“, so Stefan Neukamm, seit über 20 Jahren Chef der kirchlichen Immobilien im Dekanat München.

Statt modische Konzepte zu kopieren, brauche es tragfähige Ideen vor Ort, ergänzte der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johann Hinrich Claussen. Gerade auf dem Land seien da die Möglichkeiten rarer gesät. Doch verfallene Kirchen schadeten ganzen Ortskernen. Vorrang müsse eine sinnvolle Nutzung haben. Entscheidend sei nicht die Möblierung, sondern das Engagement, mahnte er.

Selbst leerstehende Kirchen verursachten Kosten – allein schon, um Vandalismus zu verhindern, fügte Jakob Johannes Koch hinzu, der Kulturbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz. Auf einen Unterhalt von „etwa 10.000 Euro im Jahr“ schätzt auch die zuständige Hauptabteilungsleiterin Petra Postler im Erzbistum Bamberg die Kosten für leerstehende Kirchen. Die katholische Kirche verlangt ausdrücklich eine „würdige“ Umgestaltung der Orte, an denen Gott angebetet wurde. Allerdings kann das selbst im traditionellen Irland dann auch mal ein Pub oder eine Whiskeybrennerei sein – wovon es Bilder zu sehen gab.

Hinzu kommen Anforderungen des Denkmalschutzes. „Sobald der erste Dachziegel herunterfällt, wird es gefährlich“, warnt der bayerische Generalkonservator Mathias Pfeil. Er verwies zudem auf den „Verfassungs- und Gesetzesauftrag“ der Denkmalpflege im Freistaat. Und dies auch bei jüngeren Kirchenbauten – etwa der Betonkirchen der 1960er Jahre. „Als Architekturstudent habe ich selbst gedacht: Wow, wie hässlich. Jetzt schreib ich‘s auf die Liste“ der denkmalgeschützten Gebäude. 

Abgesehen von den Kosten des Umbaus erschwert der Schutzstatus jedoch die Umsetzung mancher Projekte. Der Denkmalschutz müsse „akzeptieren, dass Kirche moderne, zeitgemäße Formen braucht“, merkte etwa der evangelische Oberkirchenrat Florian Baier in seinem Vortrag an. Deshalb forderte er rechtliche Anpassungen, die kreative Lösungen ermöglichen. Eine vom Kunstministerium eingesetzte Arbeitsgruppe soll künftig regelmäßig zwischen Kirchen und Denkmalpflege vermitteln.

Am Ende wird sich die Zukunft der Kirchen nicht in Grundsatzdebatten entscheiden, sondern vor Ort – in Gemeinden, Städten und Dörfern. Es braucht sicher mehr, als nur die Bereitschaft neue Wege zu gehen: Auch Verhandlungsgeschick zwischen unterschiedlichen Interessen und ein langer Atem bei der Umwandlung mit allen ihren Kosten und Mühen.