Lebenssatte Botschaften „An die Zukunft“

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Porträts von Isolde K.-K. und Klaus H. für die Ausstellung. Fotos: Noack (EW)
Porträts von Isolde K.-K. und Klaus H. für die Ausstellung. Fotos: Noack (EW)

Bleibende Erfahrungen von Menschen aus Nürnberger Senioreneinrichtungen in Text und Bild

Was bleibt von einem Leben im Rückblick? Welche Gedanken tragen, wenn die allermeiste Lebenszeit hinter einem liegt? Und was würde man den kommenden Generationen mitgeben wollen? Diesen Fragen geht die Ausstellung „Botschaften an die Zukunft“ nach – und findet Antworten, die berühren.

Die Idee zu diesem Projekt stammt schon aus der Zeit vor der Corona-Pandemie, so Pfarrerin Sonja Dietel von der Evangelischen Altenheimseelsorge im evangelischen Dekanat Nürnberg im Gespräch mit dem Sonntagsblatt. Schon damals kam sie in ein „langes berührendes Gespräch“ mit einem älteren Herrn: Dieser vertraute ihr eine „Kostbarkeit“ zum Thema Frieden an, die wesentlich aus seinem Leben erwachsen war. „Leider wird sie niemand hören außer ihnen“, setzte er hinzu.

Dies Erlebnis hat lange in der
Altenheimseelsorgerin gearbeitet. Denn sie will mehr als nur zuhören. Ihr ist es wichtig festzuhalten, was sich aus einem langen Leben destilliert: Erfahrungen, Zweifel, Hoffnungen – verdichtet zu einer Botschaft.

Gemeinsam mit dem Fotografen Wolfgang Noack besuchte sie nun Bewohnerinnen und Bewohner von Senioreneinrichtungen. Sie führte Gespräche, stellte Fragen, hörte zu. Und sie besprach die Texte mit den Seniorinnen und Senioren, bis „jedes Wort passte“. Es war ihr wichtig, dass die Porträtierten und auch ihre Angehörigen mit den Texten sowie den Fotos zufrieden sein konnten. 

Diese schuf der Fotograf Wolfgang Noack: Sie zeigen mehr als Gesichter: wache Augen, Selbstbewusstsein, Lebensfreude. Sie sind von Gegenständen oder Gesten begleitet, die für das stehen, was die Menschen bewegt. Manchmal gaben die Senioren selbst die Richtung vor, was ihnen wichtig war – dann wieder entstanden die Ideen im intensiven Gespräch mit Wolfgang Noack: Er nahm sich Zeit, bis „Mensch und Mimik, Botschaft und Symbol“ zusammenpassten, der Hintergrund stimmte – und schließlich alle Beteiligten ein Bild für das Porträt auswählten.

Aus Wort und Bild entstand eine Wanderausstellung mit 17 eindrucksvollen Porträts. Einige der Beteiligten konnten an der Eröffnung teilnehmen, doch vier von ihnen waren da bereits verstorben. Vier Kerzen erinnerten bei der Vernissage an sie. Ihre Botschaften gehen über den Tod hinaus.

Religionslehrerin und Pfarrerin Susanne Haeßler nahm die Impulse in einer 7. Klasse der Wilhelm-Löhe-Schule auf. Ihre Schüler formulierten eigene Botschaften, die die Ausstellung ergänzen. Noch bis zum 10. April ist sie im Caritas-Pirckheimer-Haus zu sehen – ihre Wirkung reicht weit darüber hinaus.

Verdichtete Erfahrungen

Denn die Stimmen der Porträtierten sind klar. Sie sprechen von Liebe, von Respekt, von Humor. Von Sehnsucht, von Glauben, von einem gelingenden Miteinander. Es sind keine großen Theorien, sondern verdichtete Lebenserfahrungen. Sätze, die tragen – gerade weil sie gelebt sind.

Brigitte F. (alle Nachnamen der Porträtierten sind abgekürzt) wünscht sich als kostbarstes Geschenk „Zeit“: „Denn damit schenkt man etwas von sich her, was man mit Geld gar nicht aufwiegen kann“, erläutert sie.

Isolde K.-K. erzählt von der Einsamkeit, die viele ältere Menschen begleitet: Tage, an denen niemand vorbeikommt, keine Begegnung stattfindet. Und davon, wie wichtig Orte sind, an denen Gemeinschaft gelingt – und zur Heimat wird. Wöchentlich besucht sie etwa ein Atelier, in dem generationenübergreifend Kunstwerke entstehen.

Sie blickt noch weiter: auf neue Wohnformen, die die Gemeinschaft mehr betonen. Es sind Projekte, in denen Menschen zwar ihren eigenen Raum haben, aber bewusst Gemeinschaft suchen. Für sie bedeutet das ein „Silberstreif am Horizont“ – ein Zeichen für mögliche Veränderung. 

Ebenfalls gibt es noch Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg – aus diesen Erfahrungen entsteht ein besonders intensiver Ausdruck des Wunsches nach Frieden. 

Und Schwester Gerda F. schildert eindrücklich, wie befreiend das Loslassen sein kann. Die Erinnerung an eine liebe Kollegin hängt nicht an einem Abschiedsgeschenk. Als ein Krüglein zerbrach, das sie von ihr bekommen hatte – blieben dennoch die Gedanken an die Kollegin, aber in tieferer Ruhe. Und die Aussprache über eine Lüge, für die sie sich schämte, schuf tiefere Gemeinschaft.

Wilhelm B. wiederum beschreibt eindrücklich, wie in seinem Leben ein Satz von Friedrich Bodelschwingh Gestalt annahm: „Wenn wir nicht aufhören zu danken, hört Gott auch nicht auf zu segnen“, so erinnert er ihn. Allein die Ausrichtung seiner Gedanken auf Kleinigkeiten, die dennoch einen Dank wert sind, machte ihn zufriedener. 

Dann ist da die leise, aber eindringliche Botschaft des 73-jährigen Klaus H.: „Liebe dich selbst.“ Was einfach klingt, entfaltet in seiner Erzählung große Tiefe. Er beschreibt das eigene Leben wie einen Garten. Einen Ort, der gepflegt werden will, damit er blüht. Wer sich selbst vernachlässigt, lässt ihn verwildern. Wer sich aber um sich kümmert, schafft etwas, das ausstrahlt.

Erkenntnis aus dem Innern

In diesem Bild mit Klaus H., der voller Freude eine Pflanze gießt, verdichtet sich, was viele der Interviews verbindet: die Erkenntnis, dass ein gelingendes Leben nicht im Außen beginnt, sondern im Inneren. Und dass es Mut braucht, gut für sich selbst zu sorgen – gerade, um für andere da sein zu können.

Die Ausstellung lebt von diesen Botschaften, die intensive Lebenserfahrungen weitergeben. Sie stammen von Menschen, die gelebt, geliebt, verloren und neu begonnen haben. Ihre Texte werden so zum Spiegel – auch für das eigene Leben.

Projektinitiatorin Sonja Dietel hofft, dass die Worte der Seniorinnen und Senioren „in Richtung Zukunft wehen“ – und dort auf fruchtbaren Boden fallen. Es ist ein stiller Wunsch, aber kraftvoll. Denn in einer Zeit, die oft von Vereinzelung und Verbitterung geprägt ist, erinnern diese Stimmen an etwas anderes: an das, was trägt.

Vielleicht ist es genau das, was diese Ausstellung so besonders macht. Sie gibt denen eine Stimme, die oft überhört werden. Und sie zeigt, dass in ihren Geschichten etwas liegt, das weit über das eigene Leben hinausweist. Eine Einladung, innezuhalten. Und neu zu fragen, was wirklich zählt. Welches könnte meine Lebens-Essenz sein, die sich weiterzutragen lohnt?

Die Ausstellung ist tagsüber während der Öffnungszeiten des Caritas-Pirckheimer-Hauses kostenfrei zu sehen. Sie ist anschließend vom 15. April bis 9. Juni in der Nürnberger Reformations-Gedächtnis-Kirche am Berliner Platz sowie vom 15. Juni bis 28. Juli im Altenheim Hensoltshöhe vor Ort zu sehen. Danach ist sie weiter ausleihbar. Mehr dazu und zu den Hintergrundinfos online unter https://www.botschaften-zukunft.de