Mutig Zeichen setzen!

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zur Salbung Jesu

Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Markus 14,1–9

Zeichenhandlungen können die Welt wachrütteln. Man denke an die Ohrfeige von Beate Klarsfeld, den Kniefall Willi Brandts oder an Rosa Parks, die in einem Bus der Südstaaten einfach sitzen blieb – und damit den Grundstein legte, dass seit 1964 jeder Mensch in Amerika vor dem Gesetz gleich ist. Die Karwoche ist voller Zeichen. Doch das stärkste Zeichen dieser Woche kennen die wenigsten.

Eine namenlose Frau in Bethanien, einem Vorort Jerusalems. Die Gefangennahme Jesu ist bereits beschlossen. Alles läuft auf seine Vernichtung hinaus. Da geht sie hin und gießt kostbarstes Salböl über ihn. Dreihundert Silbergroschen wert – ein Jahreslohn. Kein Wort. Nur diese klare Geste: Du bist kostbar. Ich sehe dich. Ich stehe zu dir. 

Die Männer, die dabei sind, reagieren laut. Sie kritisieren, pöbeln, machen das Geschenk schlecht. Jesus macht da nicht mit. Scharf entgegnet er: „Lasst sie! Sie hat ein gutes Werk an mir getan“. Und dann, in einem fast unglaublichen Satz: „Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat“. Er erklärt sie zur Zeugin für alle Zeiten – und die Kirche hat sie fast vergessen.

Die Schweizer Theologieprofessorin Luzia Sutter Rehmann sieht in ihr eine widerständige Frau, die genau weiß, was die römischen Besatzer planen. Mit ihrer Zeichenhandlung stärkt sie Jesus den Rücken für den finalen Weg. So wie in Psalm 133. Da werden Menschen, die zusammenhalten, verglichen mit feinem Salböl, das vom Haupt auf den ganzen Menschen herabfließt. Eine Geste der Solidarität. 

Vielleicht hat der Evangelist Markus ihr bewusst keinen Namen gegeben – weil ihr Zeugnis weitergeht. Weil sie unsere Namen trägt. Weil alle Menschen, die mutig und frei Zeichen setzten, in ihre Geschichte eintreten. Die Karwoche lädt dazu ein. Nicht rumreden – handeln. Nicht abwarten – zeigen. Wo es geschieht, da stärken wir einander. Der Duft des Lebens verströmt seine heilsame Kraft. Und das Licht findet – auch durch Dunkelheit und Schwernis – seinen Weg.

Jacqueline Barraud-Volk, Pfarrerin in Bad Kissingen und Rundfunkpredigerin 

Gebet: Jesus, Freund der Armen / Groß ist dein ErbarmenMit der kranken WeltHerrscher gehen unterTräume werden munterDie dein Wort erhelltUnd wenn ich ganz unten binWeiß ich dich an meiner SeiteJesu, meine Freude.

Gerhard Schöne