
Aufbruchssignale von der Konstituierenden Sitzung der Landessynode aus Bayreuth
Das Bild vom Pilgerweg öffnete offenbar die Herzen – und machte die Entscheidung schnell klar. Bei der Wahl der neuen Präsidentin der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) fiel das Ergebnis deutlich aus: Bereits im ersten Wahlgang erhielt Tanja Keller 76 von 108 Stimmen und wurde damit klar zur neuen Präsidentin des Kirchenparlaments gewählt. Ihre Mitbewerberin Sabine Geyer kam auf 31 Stimmen.
Die 60-jährige Vorsitzende Richterin am Arbeitsgericht Regensburg und Mitglied im Präsidium der Münchner Dekanatssynode wird nun in den kommenden sechs Jahren die Landessynode leiten. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Töchtern. Mit ihrer Wahl übernimmt sie zugleich den Vorsitz des Landessynodalausschusses und gehört damit zu den zentralen kirchenleitenden Persönlichkeiten der ELKB – gemeinsam mit Synode, Landeskirchenrat und Landesbischof.
Schon in ihrer Vorstellung machte Keller deutlich, wie sie ihr neues Amt versteht: nicht als Führungsposition im klassischen Sinne, sondern als Begleitung auf einem gemeinsamen Weg. Sie verglich die Aufgabe der Präsidentin mit der Rolle einer Pilgerbegleiterin. Ihr Ziel sei es, Wege zu finden, die für alle gangbar sind, und in Zeiten großer Strukturreformen Sicherheit, Klarheit und Freiraum zu schaffen – nach innen wie nach außen. Und dafür zu sorgen, dass bei vielerlei unterschiedlichen Geschwindigkeiten alle gemeinsam die Etappen erreichen.
Dieses Bild Pilgerwegs kam nicht von ungefähr. Keller erzählte von einer eigenen Pilgererfahrung: Fünf Tage lang war sie mit einer heterogenen Gruppe unterwegs, jeder mit seinem Gepäck auf dem Rücken. Einige gingen schneller voraus, andere ließen sich Zeit oder konnten nicht mithalten. Manchmal war das Tempo den einen zu langsam, den anderen zu schnell. Doch an den vereinbarten Treffpunkten wartete die Gruppe aufeinander, und am Ende bestimmte stets derjenige das Weitergehen, der zuletzt ankam. So passte sich die Gemeinschaft einander an, hörte spirituelle Texte, suchte Wege, die für alle gangbar waren, und kam Schritt für Schritt gemeinsam ins Laufen. Genau dieses Bild, so Keller, wünsche sie sich auch für die Synode: eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig wahrnimmt, sich aufeinander einstellt und gemeinsam an der Kirche der Zukunft arbeitet.
Ihr Ziel ist klar: Die Synode soll schnell arbeitsfähig werden und ein gemeinsames Ziel für die kommenden Jahre definieren. Denn die Herausforderungen sind groß – strukturell, organisatorisch und geistlich.
Als ihre Stellvertreter wurden Luca-Fynn Schieblich – der jüngste Synodale – und Frank Bienk gewählt.
Preidel übergab ihr Erbe
Wie viel Verantwortung hinter dieser Aufgabe steht, hatte zuvor die scheidende Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel in ihrem Rechenschaftsbericht deutlich gemacht. Sie trat nicht mehr zur Wahl an und blickte auf die Arbeit des Landessynodalausschusses seit November 2025 zurück. Vier Sitzungen beschäftigten sich vor allem mit den Berufungen in die neue Landessynode, der Prüfung der Wahlergebnisse und der Vorbereitung der konstituierenden Tagung in Bayreuth. Ziel sei ein geordneter und rechtmäßiger Übergang gewesen, der eine stabile Grundlage für die neue Legislaturperiode schafft.
Ein zentraler Schwerpunkt lag auf der Weiterentwicklung der Verwaltungsstrukturen der Landeskirche. Die Zusammenarbeit der Verwaltungseinrichtungen soll künftig in Verwaltungsregionen und Regionalverwaltungen organisiert und durch ein Kompetenzzentrum für das kirchliche Meldewesen ergänzt werden.
Besonders wichtig war Preidel die Neuaufstellung des Arbeitsbereichs Medizinethik. Mehrere bislang parallel arbeitende Gremien sollen in einem landeskirchlichen Arbeitskreis zusammengeführt werden, um Kompetenzen zu bündeln und aktuelle Fragen systematisch zu bearbeiten. Themen wie Lebensanfang und Lebensende, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen sollen künftig regelmäßig beraten werden. Für das Leitungsteam sind vorgesehen: Dr. Arne Manzeschke, neuer Professor für Ethik und Anthropologie an der Evangelische Hochschule Nürnberg, die noch zu bestimmende Nachfolge für Dr. Hendrik Meyer-Magister von der Evangelischen Akademie Tutzing sowie Kirchenrätin Dr. Tanja Stiehl, Beauftragte für Gesellschaftliche Verantwortung und Ethik der ELKB.
Ein weiteres Zeichen für zukunftsorientiertes Handeln ist die Verlängerung der Projektstelle „Barfuß im Herzen der Stadt“ für ein spirituelles und ökumenischen Zentrum in Augsburg.
Füreinander da sein
Mit ihrem abschließenden Dank an alle Mitglieder des Landessynodalausschusses, des Landeskirchenrates sowie an den Landesbischof Christian Kopp verband Preidel ein gemeinsames Signal: Kern christlicher Verantwortung sei es, „immer den und die anderen im Blick“ zu behalten. So formulierte es der bayerische Landesbischof zuvor im Eröffnungsgottesdienst zur konstituierenden Sitzung der neu gewählten Landessynode in der Bayreuther Stadtkirche: „Füreinander – das ist der christliche Verhaltenskodex. So leben Christinnen und Christen.“ Das war sein Kernthema, mit dem er den geistlichen Rahmen für diesen Aufbruch im Eröffnungsgottesdienst setzte. In seiner Predigt über die biblische Geschichte von Jakobus und Johannes sowie das Konkurrenzdenken unter den Jüngern (Markus 10,35-45) machte Kopp deutlich, dass dies ein normales menschliches Phänomen sei. Gerade deshalb erwarteten viele Menschen, dass es unter Christinnen und Christen anders zugehe – aufmerksam, respektvoll und liebevoll.
Führen bedeute in der Kirche vor allem dienen. Dieses Prinzip müsse im Alltag eingeübt werden, besonders im Umgang mit Macht und Nähe. Nähe sei unverzichtbar für gelingende Beziehungen, könne aber auch Einfallstor für Missbrauch sein. Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt habe gezeigt, wie sensibel Kirche mit Machtstrukturen umgehen müsse. Blinde Flecken dürften nicht verdrängt, sondern müssten bewusst erkannt und verantwortungsvoll gestaltet werden. Leidenschaft und Leiden – beides im Begriff der Passion enthalten – könnten dabei Stabilität in unsicheren Zeiten geben.
So verbanden sich Wahl, Rechenschaftsbericht und Predigt zu einem gemeinsamen Bild: Kirche ist unterwegs. Sie braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen, Strukturen gestalten und gleichzeitig den anderen im Blick behalten. Weitere wichtige Aufgaben der konstituierenden Tagung der Landessynode wie die Wahlen zum Landessynodalausschuss sowie die Bildung der Ausschüsse standen bei Redaktionsschluss noch aus.
Mit der neuen Präsidentin an der Spitze und dem Bild des gemeinsamen Pilgerwegs vor Augen beginnt für die Landessynode nun eine neue Etappe – Schritt für Schritt, gemeinsam zum Ziel, die Kirche der Zukunft zu gestalten.



























