Sommerliches Editorial von Chefredakteurin Susanne Borée im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern
Eine ganz Nacht in einem Strandkorb zu verbringen – mutterseelenallein, nur das Firmament über mir! Und die Wellen nicht weit! Dazu hatte ich noch ein Geschenk an der Ostseeküste einzulösen. Denn es war keine „Challenge“, keine persönliche Herausforderung oder Selbstüberwindung, sondern durchaus eine gebuchte Übernachtung wie in einem Hotel. Dafür auch erstaunlich bequem, denn es war ein Liege-Strandkorb, in dem ich mich gut ausstrecken konnte.
Es zeigte sich: Der Strand lebte bis in die Nacht hinein. Auf der Strandpromenade hatten einige Cafés geöffnet. Zum Glück ohne Musik, und die Gesprächsfäden der späten Gäste, ihr Gemurmel vermischte sich harmonisch mit den Wellen.
Ich saß im Dazwischen – zwischen Tag und Nacht, zwischen Öffentlichkeit und Rückzug, unter dem schützenden Dach des Korbes, aber offen Richtung Meer. Obwohl „nur“ die Ostsee rauschte, trieb auflandiger Wind die Brandung an den Strand.
Erst gegen Mitternacht nahm die Dämmerung ab. Ich hatte die „Weißen Nächte“ um Mittsommer erwischt. Sie machen sich in Norddeutschland durchaus schon stärker bemerkbar als etwa in Franken. Doch dann war es da, das Dunkel. Nicht bedrohlich, sondern wach. Nicht leer, sondern voller Stimmen – der Natur, der Gedanken, vielleicht auch Gottes.
Ich schlief nicht viel. Aber ich war da. Wach, berührt, getragen von der besonderen Zeit zwischen Mitternacht und Morgen. Um vier Uhr früh ging ich dann bei strahlendem Sonnenaufgang im goldenen Meer baden. Nur das Licht, das Wasser – und ich.
Und um 9 Uhr weckte mich die Hitze des Tages. Unter der Abdeckung heizte die pralle Sonne den Strandkorb wie in einem Zelt. Also keine wirklich gesegnete Nachtruhe, kein ungestörter Schlaf. Doch es hebt sich ab von all den Nächten, die sich zuhause ununterscheidbar aneinanderreihen.
Diese Nacht erzählt von der Kostbarkeit des Unbequemen, von der Tiefe des Dazwischen. Sie erinnert mich daran: Unsere Routinen sind nicht das Leben. Sie überdecken es. Aber wer bereit ist, aus ihnen auszusteigen, der wird beschenkt – nicht mit Komfort, sondern mit Wahrheit. Himmel, Wasser, Wind und Zeit wurden meine Gefährten. Und irgendwann – im Flüstern der Brandung – meinte ich die Stimme des Psalmisten (Ps 4,9) zu hören: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“