Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zwischen Weltdunkel und hellem Mittsommer
Gerade erleben wir die hellsten Tage des Jahres mit viel Licht, es wird lange nicht dunkel. Nördlich des Polarkreises freuen sich Menschen an der Mitternachtssonne – Tage ohne Nacht! Gleichzeitig ist die Weltlage alles andere als hell. Dunkelheit und düstere Zukunftsaussichten lösen die Krisenherde an vielen Orten der Welt aus: Die Lage dieser Welt ist alles andere als hell: Zuviel wird von Männern bestimmt, die vor allem eines im Blick haben: die eigene Macht ausbauen und andere dominieren. Das Licht der Jahreszeit und das Dunkel der Weltlage prallen aufeinander. Einfache Lösungen gibt es nicht, aber wir brauchen eine eigene Haltung.
Eine kurze Geschichte dazu aus jüdischer Tradition: Ein alter Rabbi fragte einst seine Schüler, wie man die Stunde bestimmt, in der die Nacht endet und der Tag beginnt. „Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?“, fragte einer seiner Schüler. „Nein“, sagte der Rabbi. „ist es, wenn man einen Apfelbaum von einer Birke unterscheiden kann?“, fragte ein anderer. „Nein“, sagte der Rabbi. „Aber wann ist es dann?“, fragten die Schüler. „Es ist dann, wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und darin deine Schwester oder deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.“
Eine kluge Geschichte, um bei dieser Weltlage „Tag“ und „Nacht“ zu unterscheiden und selbst eine Haltung zu gewinnen, die Orientierung und Resilienz ermöglicht: Tag wird es, wenn ich im Gesicht irgendeines Menschen den Bruder und die Schwester erblicke!
Entfaltet wird diese Haltung facettenreich in der Feldrede Jesu:
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben.
Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.
Lukas 6,36–38a; 41–42
Gottes Barmherzigkeit – das Maß der Dinge: Es ist nur angemessen, all die Menschen um uns herum mit der gleichen Brille zu betrachten, mit der Gott uns betrachtet. Vom Wortsinn her bedeutet Barmherzigkeit: Ich lasse mich berühren, ergreifen von der Lebenssituation, oft auch der Not meines Mitmenschen. Das ist ein Wesensmerkmal Gottes: So betrachtet er die Menschen. Er lässt sich berühren von dem, was Menschen brauchen. Damit werden die Logiken, die gerade unsere Weltpolitik prägen, aus den Angeln gehoben: Es gilt nicht mehr: „Wie Du mir, so ich Dir!“ – sondern: „Wie Gott mir, so ich Dir!“
Es gibt derzeit genug Menschen, die dicke Bretter vor dem Kopf haben, aber auf die Balken im Auge des anderen fokussiert sind! Mehr Licht kommt in die Welt, wenn ich bei mir bleibe und meine Werte und Maßstäbe betrachte, mit denen ich unterwegs bin: Bei mir beginnen und Barmherzigkeit leben, weil es dem Wesen des Schöpfers entspricht und mein Leben hell macht.
Wenn ich konsequent bei mir bin, die Splitter im eigenen Auge ernst nehme, macht die Barmherzigkeit Gottes meine Welt heller. Barmherzigkeit als Wesensmerkmal Gottes ist eine Ressource, die Muslime, Christen und Juden in ihrer Religion längst verbindet. Religion ist nicht die Ursache dieser dunklen Kriege, sondern eine Aufforderung, um anders zu leben und mehr Licht in diese Welt zu bringen. In jedem Menschen einen Bruder und eine Schwester zu sehen, ist eine Ressource gegen Dunkelheit in dieser Welt.
Jörg Hammerbacher, Dekan in Weilheim