Was unseren Blick neu schärft

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Chefredakteurin Susanne Borée, Hintergrundbild von Erich Kraus

Editorial von Chefredakteurin Susanne Borée zu Lichtmess und verlorenem Durchblick trotz der Wintersonne

Die strahlende Wintersonne lockte mich in den vergangenen Tagen und Wochen schon mehrfach nach draußen. Mal bei klirrender Kälte, mal bei milden Vorfrühlingstemperaturen, die schon Mitte Januar die ersten Schneeglöckchen aus der Erde trieben. Bei Wärme und Kälte war sie verlässlich da: diese Sonne, die mehr versprach, als der Kalender eigentlich zulässt.

Auch wenn der Winter jetzt noch einmal massiv zuschlug – selbst am Wochenende hielt die Sonne lange  Wort. Sonnenbrille auf die Nase – und schon schwang ich mich aufs Fahrrad. Dass diese vorfrühlingshafte Euphorie ein Opfer fordern würde, ahnte ich da noch nicht. Seitdem trauere ich um meine Alltagsbrille. Denn aus meiner Manteltasche entwich sie in voller Fahrt.

Sobald ich dies merkte, fuhr ich die ganze Strecke zurück – nun die Augen aufmerksam auf den Boden gerichtet. Es konnte keine Dreiviertelstunde her sein, seitdem ich sie verloren hatte! Und in ihrem roten Etui war sie wohl nicht zu übersehen. Offenbar doch. Oder andere Sonnenhungrige waren schneller. Dabei müsste es ein großer Zufall sein, wenn die Finderin genau meine Sehstärke hätte – zumal mit Gleitsichtgläsern. Sie machen die Brille für mich wertvoll, für andere wohl eher unpraktisch.

Ansonsten laden weder Gestell noch Etui zum Behalten ein. Brillenetuis bekomme ich bei jedem Optikerbesuch ungefragt dazu – um jedem Interessierten fünf zu schenken.

Leider ist die Brille bisher weder im Fundbüro aufgetaucht noch in regionalen Netzwerken. Zum Glück habe ich noch eine ältere Ersatzbrille: zerkratzt und ein wenig müde geworden – aber ein Notnagel.

Also heißt es nun: Verhandeln mit der Krankenkasse, Investieren in neue Sehhilfe, Zeit verbringen beim Augenarzt und Optiker. Vielleicht hat meine Sehschärfe ohnehin um eine halbe Dioptrie nachgelassen. Dann wird aus dem Verlust wenigstens ein Anlass zur Erneuerung.

Und ein Impuls für diese Zeilen: Manchmal verlieren wir gerade dann den Durchblick, wenn alles besonders hell scheint. Da bleibt die Ahnung, dass sich der Blick schärfen lässt, gerade dann, wenn wir ihn neu ausrichten müssen.

Maria Lichtmess erzählt von diesem Übergang zu einem vorsichtigen Mehr an Licht trotz massiven Neuschnees. Im Aushalten des Dazwischen. Im Vertrauen, dass Gott uns selbst dann sieht, wenn wir nur unscharf erkennen. Und dass ein verlorener Blick ein Neubeginn sein kann – hin zu behutsameren Sehen. Susanne Borée, Chefredakteurin