Holz, das Hoffnung atmet

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Geschnitztes Kruzifix von Marion Jochner und die Künstlerin. Fotos: Jochner/privat

Ein Kreuz in Bewegung: das Schaffen der Holzbildhauerin Marion Jochner in der Begegnung

Es war mehr als eine Auftragsarbeit. „Es entwickelte sich im intensiven Gespräch“, erzählt die Holzbildhauerin Marion Jochner aus Oberammergau dem Sonntagsblatt. Daraus entstand ein Kreuz, das genau diese Handschrift des Dialogs trägt (rechts): kein leidender oder sterbender Jesus, sondern er scheint gerade davon herabzusteigen – und streckt den Betrachtenden einladend die Hand entgegen. Kein fernes Leiden, kein erstarrter Schmerz – sondern Bewegung.

So gelang es Jochner, den Vorstellungen ihrer Gäste Form und Gestalt zu geben. Und sie entwickelte die Ideen weiter, die aus diesem Austausch entstanden: Dabei fertigte Marion Jochner zwei Kreuzesdarstellungen an. Das zusätzliche Exemplar stellte sie in ihrem Schaufenster aus: Touristen und Erholungssuchende kamen direkt daran vorbei – und blieben stehen. 

Dieses Kreuz ist inzwischen zu einem Markenzeichen der Holzbildhauerin geworden. Sie hat es nunmehr in unterschiedlichen Variationen gefertigt. Immer aber gilt: Der Gekreuzigte unterläuft die gewohnten Vorstellungen der Passion und scheint immer vom Kreuz abzusteigen. Nicht als Verweigerung der Erlösung, sondern bewegende Hingabe.

Lebensaufgabe umgesetzt

Bereits 1999 schloss Marion Jochner ihre Ausbildung zur Holzbildhauerin ab. Doch ihre Geschichte mit dem Schnitzmesser begann viel früher. Sie stammt aus einer langen Familientradition: Schon ihr Urgroßvater, Franz-Paul Maderspacher, schnitzte bis zu seinem 80. Lebensjahr. Auch der Großvater arbeitete in der Werkstatt – und dort wuchs sie gewissermaßen auf. Er legte ihr früh ein Schnitzmesser in die Hand. „Natürlich habe ich mich gleich geschnitten“, gibt sie zu. Kein Drama. Eher ein Beginn. Immer wieder probierte sie sich aus, um die Seele des Holzes zu enthüllen.

Oberammergau ist natürlich in der Weihnachtszeit ein magischer Anziehungsort für Touristen – besonders wenn es tief verschneit ist. Und ja, auch Marion Jochner schnitzt Krippenfiguren. Ein Bild davon schmückte bereits die Weihnachtsausgabe des Evangelischen Sonntagsblattes. Engel gehören ebenfalls zu ihrem Repertoire – „aber meine sind eher Ganzjahresengel“. Manche lachen verschmitzt, andere wirken heiter und lebendig. Sie scheinen sich gegenseitig intensiv zuzuhören. Oder sie blicken verträumt vom Regal herab. Sie alle haben Charakter. Sie sind eher bodenständig als entrückt – manchmal augenzwinkernd.

In dem jungen Jahr genießt Marion Jochner zunächst die Ruhe im Ort. Wer dann kommt, sucht eher Stille als Trubel – gerade auch in den Jahren, die Pause zwischen den Passionsfestspielen bieten. Selbst die Künstlerin braucht diese Zeiten, um Atem zu schöpfen, neue Ideen wachsen zu lassen. 

Seit gut drei Jahren führt sie ihre Werkstatt und ihr Geschäft mitten im Ort. Vormittags ist sie meist dort. Denn allmählich sind ihre Kinder größer – richtige Teenies. Vor der eigenen Selbstständigkeit hat sie bereits viele Erfahrungen gesammelt – so dass sie nun keine Holzwege betreten musste. 

Ihr Schaffen löst viel bei anderen Menschen aus. So kann Jochner ihre Faszination weitergeben – über eine Materie, in der „kein Stück dem anderen gleicht und selbst Verwachsungen, Einschlüsse, Verfärbungen jedes Stück noch interessanter machen.“ Das Holz selbst bleibt schlicht, lebendig gemasert, ohne monumentale Schwere. Verwachsungen, Einschlüsse, Verfärbungen – all das darf sichtbar bleiben. 

Poetische Inspiration 

Einheimische und Erholungssuchende kommen vorbei, bleiben stehen, treten ein. So war es auch mit dem zweiten Exemplar jenes besonderen Kreuzes, das sie nach dem intensiven Kundengespräch schnitzte und ins Schaufenster stellte. Es zog Blicke an. Pfarrer Christoph Kunz aus Magdeburg, der in den Bergen Erholung suchte, verharrte ebenfalls vor dem herabsteigenden Jesus. Später schickte er Marion Jochner ein Gedicht über das Kreuz. 

Aus dieser Resonanz entstand eine Freundschaft. Und mehr noch: gemeinsame Publikationen. Monatskalender mit Fotos ihrer Werke und seinen Texten. Das Buch „Beflügelt im Trotzdem“ mit seinen Gedichten und Bildern aus ihrer Werkstatt – die den Alltag unterbrechen können – zum Verweilen, Meditieren, Schmunzeln und Entdecken.

Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis ihrer Ausdrucksformen: Sie schaffen Platz: Freiraum für eigene Gedanken. Und für die Hoffnung. Auch das Kreuz mit dem herabsteigenden Christus lässt sich so lesen: als Zeichen einer offenen, sich ereignenden Erlösung. Jesus bleibt nicht fern in höheren Sphären. „Es reicht“, legte Pfarrer Christoph Kunz poetisch dem herabsteigenden Jesus in den Mund. Und weiter: „Ihr habt mich lange genug / ans Kreuz genagelt.“ Der Gekreuzigte steigt herab, teilt Verletzlichkeit und Geschichte zu Menschen. Er mahnt die Menschen: „Sucht mich nicht / in euren Machtworten und / Wahrheitsansprüchen.“

So bietet dieser Gottessohn Beziehung. Vielleicht sogar – bildlich gesprochen – schon als ein Brückenschlag zur Auferstehung. Die Skulptur vermittelt Nähe und Bewegung. Hoffnung ist kein fertiges Bild, sondern ein Geschehen – immer neu, auch gegen religiöse Gewohnheiten. Die Darstellung bricht mit manchen kulturellen Konventionen und lädt gerade dadurch ein, genauer hinzusehen.

Da spiegelt sie die Bereitschaft Marion Jochners genau zuzuhören. Eigene Ideen umzusetzen – und zugleich den Wünschen ihrer Kundinnen und Kunden Form zu geben. Dann entsteht mehr als Kunsthandwerk. Es ist ein Dialog in Holz: zwischen Material und Mensch, zwischen Glauben und Gegenwart. Vielleicht ist dies auch ein Bild für ihre Kunst insgesamt: nicht statisch, nicht abgeschlossen, sondern unterwegs. Den Menschen entgegen. Mit offener Hand.

Mehr über die Holzschnitzerin online unter https://marion-jochner.de